Also das hier ist vegan und feministisch. Weil sonst alles scheiße ist.
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Freitag, 15. Februar 2013

Ragen und/oder Dancen? One Billion Rising im Nachgang






















Vorweg: Hier geht es speziell um die Veranstaltung in Köln. Da die Orga-Teams meines Wissens nach sehr viel Spielraum in der Ausgestaltung hatten, möchte ich ausdrücklich nicht für die Aktionen in anderen Städten sprechen. Desweiteren habe ich mich schlicht aus Zeitmangel im Vorhinein kaum mit der Aktion im allgeminen, ihrer Geschichte und Entstehung auseinandergesetzt.

Ich schreibe diese Kritik, weil ich Aktionen gegen Gewalt an Frauen wichtig finde. Und notwendig. Ich finde es toll, dass so viele Debatten und Bewegungen ihren Weg in den Mainstream finden. Die Sl*tWalks, #aufschrei, One Billion Rising, um mal die populärsten zu nennen. Aber das muss besser werden. Inklusiver, barrierefreier, diskriminierungsfreier, sicherer. Gerne auch lauter und wütender. Konsequenter und radikaler. Es gibt viel zu tun.

An One Billion Rising habe ich von Anfang an nicht so große Erwartungen gestellt. Hingegangen bin ich hauptsächlich, um mir das mal anzuschauen und um Freundinnen zu treffen. Denn Kritik gab es im Vorhinein genug und die wurde in weiten Teilen ignoriert. Zum Beispiel die Stellungnahme von GLADT – eine Stellungnahme auf ein offizielles Video zur Kampagne, welches sehr gewaltvoll ist, rassistische Stereotype bedient und reproduziert und zudem nur eine cis-hetero-Welt abbildet. Speziell bei der Veranstaltung in Köln machte mich außerdem die Aufmachung etwas skeptisch. "Unterstützt" von Marketing- und Veranstaltungsagenturen kam mir das Ganze doch fast vor, wie eine Party. Die Choreographie wurde in einem Fitnessstudio für Frauen trainiert ("Ruby Gym – Körperkultur für Frauen") – was ja vielleicht "praktisch" sein mag, bei mir aber einen schalen Beigeschmack von Körpernormierungen und Schönheitsidealen hinterlässt. 


Betroffene verhöhnen vs. den Körper reclaimen

Obwohl die Kritik daran, dass Tanzen für Betroffene von (sexualisierter) Gewalt höhnisch sein kann, berechtigt ist, habe ich generell nichts gegen Tanzen im allgemeinen auf Demos, solange es nur ein (!) Element von mehreren darstellt und nicht als "für alle total toll" angepriesen wird. Ich habe auch nichts gegen "fröhliche" Demos. Ich mag es, auch zu unangenehmen Themen Utopien und Gegenentwürfe zu entwickeln und diese in einer positiven Art aufzubereiten oder zu präsentieren. Und wer kann, die/der* darf von mir aus alles für sich reclaimen was sie/er* will. Das alles kann Spaß und Mut machen, Kreativität wecken und anspornen. Eben empowernd sein. "Nur" wütend zu sein und zu meckern macht (mich) manchmal müde, tut weh, erschöpft. Dabei brauche ich Halt und Kraft, denn ich will mehr, ich will gestalten und es besser machen!

Tanzen ist eine Ausdrucksform von vielen, speziell diese Ausdrucksform zu wählen kann ich auch in dem Sinne verstehen, als dass es bei der Aktion eben um (den eigenen) Körper geht – warum diesen dann nicht selbstbestimmt einsetzen? Warum nicht gleich versuchen "Tanz" von ästhetischen und sexuell aufgeladenen Zwängen zu lösen, den er für viele Frauen beinhaltet? Geklappt hat letzteres zumindest nicht. Wobei – das war wohl auch nicht der Anspruch. Die Choreographie war für mein Empfinden der zentraler Teil der gesamten Aktion. Von anderen Aktionen oder Demobestandteilen, wie zum Beispiel Flyern oder Plakate und Transpis basteln war mir nichts bekannt. An vielen Stellen, waren Frauen unsicher "ob sie denn da tanzen müssen". Eine Unsicherheit, die ich verstehen kann, ich mache das nämlich auch nicht besonders gerne. Nicht in der Öffentlichkeit. Schon gar nicht, wenn Presse anwesend ist. Und ehrlich gesagt auch nicht so gerne bei einer einheitlichen Choreographie. Es gibt viele Gründe, wegen derer Frauen* sich unwohl fühlen könnten, sich an dem Tanz zu beteiligen. (mangelnde Zeitressourcen, Behinderungen usw.) Eine Auseinandersetzung damit hat meines Wissens nach nicht stattgefunden. 

Gerade denke ich vor allem noch darüber nach, was diese Choreographie für mich bedeutet. Ich bekomme das noch nicht ganz zusammen, aber auf dem Weg nach Hause ist mir der Gedanke gekommen, dass ich mich vielleicht deswegen nicht wohl damit fühle, weil sie auch ein Teil des künstlichen Vereinheitlichungsprozesses ist, der mich hauptsächlich an dieser Aktion gestört hat. (Mehr dazu später.) "Wir Frauen", die ja alle die selben Erfahrungen machen (haha), tanzen auch alle den selben Tanz. Globale Solidarität soll das wohl darstellen. Für mich ist es das nicht. Eingebettet in dieser konkreten Situation fühlte es sich ausgrenzend an.


Wer kann sich eigentlich wo wohl und sicher fühlen?

Das bereits angesprochene Video hat ebenfalls im Vorfeld schon für Unsicherheiten gesorgt. Via Twitter kam die Frage auf, ob es auf der Veranstaltung selbst zu sehen sei, was für einige Frauen* ein Grund gewesen wäre, nicht zu kommen, da sie keine Lust hatten, sich dieses rassistischen Kram auf einer Veranstaltung zu geben, die eigentlich doch empowern soll. (Oder will?) In einem kurzen e-Mail-Verkehr zwischen mir und einer der Ansprechpartnerinnen aus Köln wurde mir mitgeteilt, dass es keine Pläne gebe, das Video zu zeigen. So weit so ok. Stutzig wurde ich, als es hieß, dass sie noch gar nichts davon mitbekommen haben, dass es eine Kritik gibt. Okay, als Veranstalterin gibt es natürlich viel zu tun, in Köln ist immerhin die gesamte Woche vorher Karneval gewesen, ein Ausnahmezustand also. Merkwürdig finde ich es aber trotzdem, da zumindest mir die Kritik aus allen Ecken und Richtungen entgegen kam und für eine Auseinandersetzung ganz besonders seitens der Orga wichtig gewesen wäre. Richtig genervt war ich dann vom Satz "Wir sind bisher eigentlich davon ausgegangen, dass unsere Veranstaltung offen für alle Interessierten ist (ist ja auch keine reine Frauenveranstaltung) und ich hoffe sehr, dass sich in dem Rahmen auch alle möglichst sicher und Willkommen fühlen." So so. Da wird also einfach mal von etwas ausgegangen und gehofft. Tut mir überhaupt nicht leid, dass mir das nicht reicht. Wer das wirklich möchte, tut auch etwas dafür. Schafft Strukturen, zum Beispiel ein Awareness-Team, gibt Statements raus, klare Ansagen, Positionierungen, Distanzierungen. "Hoffen" heißt für mich: "Oh, du fühlst dich nicht wohl? Ist ja schade." Ach, eigentlich heißt es für mich sogar "Pech gehabt."


"Wir" Frauen – wer ist das eigentlich?

Durchgehend wurde von einer homogenen Gruppe gesprochen. "Wir Frauen" und ja, auch "überall auf der Welt" wurde da gesagt. Dass Gewalt gegen "uns" ein globales Problem sei. Die angesprochene Gewalt wurde dann trotzdem gerne in andere Länder geschoben, die supidupi weit weg sind. Es geht auch nicht um "wir" und "die anderen".  Das ist zu einfach. Wir leben in Strukturen, die verschiedene Arten von Diskriminierung nicht nur begünstigen, sondern festigen, jeden Tag. Und sie wirken alle zusammen. Als zum ersten mal Rassismus und Homophobie angesprochen wurden (btw. Hat eigentlich eine das Wort "Sexismus" gehört? Ich nicht.), war bereits eine Stunde vergangen. Und wer hats angesprochen? Eine Vertreterin von Agisra. Agisra e.V. ist eine Informations- und Beratungsstelle für migrierte und geflüchtete Frauen. Also ein Verein, der gerade eben für Frauen da ist, die von Rassismus betroffen sind und ha! einige ja sogar auch von MEHREREN diskriminierenden Strukturen, wie Rassismus UND Homophobie, OMFG!

Ist das denn so schwer? Bei einer Veranstatung, die auf der ganzen Welt stattfindet die Aufmerksamkeit auf die vielen verschiedenen Lebensrealitäten von Frauen* zu lenken? Nicht nur zu sagen "Und in Afghanistan ist es ja auch ganz schlimm"? Sondern darüber zu sprechen, wer HIER alles betroffen ist? Die weiße Hetero-Norm zu verlassen? Über prüde Doppelmoral gegenüber Sexworkerinnen* zu sprechen? Über Ausbeutung von Frauen* ohne legalen Aufenthaltsstatus? Über die katastrophale rechtliche und medizinische Situation von Transpersonen? Über absurde heterosexistische Adoptionsrechte? Über das Konzept von Zweigeschlechtlichkeit? Über Muttermythen? Über Pathologiesierung, über Ent- und Übersexualisierung? Darüber, dass viele Frauen* nicht nur mit einem dieser Probleme klarkommen müssen, sondern gleich mit mehreren? 

Da sind Frauen* mit so vielen Lebensrealitäten, die von Repressionen und Diskriminierungen betroffen sind. Da ist (leider, verdammt noch mal!) so viel Material für mehr als "Gewalt gegen Frauen ist schlecht."


Kein "Dankeschön" für Selbstverständlichkeiten

Richtig negativ aufgestoßen ist mir diese immer wieder und wieder und wieder und wieder bekundete Dankbarkeit für die handvoll anwesenden Männer. Ja, es waren ein paar da, so weit ich das mitbekommen habe gab es auch keine Übergriffe und kein Dominanzgehabe und das ist natürlich gut. Aber wieso verdammt noch mal soll ich dafür dankbar sein, dass ein paar Männer* anscheinend Gewalt gegen Frauen auch scheiße finden? Ich finde das nicht zu viel verlangt. Männer* müssen mitmachen, sich angesprochen fühlen. Ohne geht es logischerweise nicht. Es macht mich eher wütend und traurig, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Und ich finde außerdem, dass es an einem Tag, an dem es ein mal (ich wiederhole mich) um Gewalt gegen Frauen geht, sehr absurd, wenn ständig Männern* "Danke" gesagt wird (dafür, dass sie nicht scheiße sind oder was?!), während gleichzeitig die Lebensrealitäten so vieler Frauen dadurch, dass sie nicht benannt und thematisiert wurden, unsichtbar gemacht wurden. Das lässt diese Danksagungen zum Teil des Problems verkommen. Allerdings passte das inhaltlich auch hervorragend zu den Beiträgen.


Grenzen? Konsens? Verantwortung? Wasn das?

Die (Rede)Beiträge... Bestimmt wurden auch gute Sachen gesagt. Hoffe ich. Aber auch so viel Mist! Da wurden "Schuld" und "Verantwortung" vertauscht und gleichgesetzt. "Lasst uns nicht länger den Männern Schuld an der Situation geben, sondern selbst Verantwortung für unsere Körper übernehmen!" Ich meine WHAT THE ACTUAL FUCK?! Ich fordere verdammt noch mal von allen Menschen, ihre Privilegien zu reflektieren. Ja, ich bitte Männer* nicht darum, ich fordere von ihnen sich selbst zu überprüfen. Wie sie sich im öffentlichen Raum verhalten, ob sie (Körper-)Grenzen überschreiten. Und sogar noch viel mehr! Wie ich mit mir selbst und meinem Körper umgehe, ist meine Sache. Klarkommen muss ich mit Normierungen, Harassment  und Übergriffen so oder so. Wie ich das am besten machen soll, wird mir ja auch erst mein ganzes Leben lang gesagt, dankeschön für gar nix. Ich fordere eine Gesellschaft, in der ich mich nicht wehren muss. In der nicht die Betroffene darüber nachdenkt, was sie zu tun und zu lassen hat, sondern die übergriffige Person. Frauen* sind kein defizitäres Geschlecht. Da wirkt es noch höhnischer, dass eine Frau in einer "Comedy"-Nummer auf der Bühne "uns" aufrief "sich selbst mehr zu lieben und anzufassen [haha, witziiiiiiig] und auch mal den Nachbarn oder die Nachbarin anzufassen." Das machte mich sprachlos. Wir reden über Gewalt und wir lassen alle Debatten über Grenzen und Konsens komplett außen vor? Was ist das für ein Gewaltbegriff?


Abschließend

Achso ja. Ein Awareness-Team wäre fantastisch gewesen. Dann hätte ich mich vielleicht mit dem Abtreibungsgegner, der mich aufdringlich auf mein Plakat ansprach, als ich mal kurz die Gruppe verlassen habe, nicht ganz so hilflos und alleine gefühlt. ("Bist du für Abtreibung? Das Baby ist nicht dein Körper! Das darfst du nicht, das ist Mord!") Denn bei aller Fröhlichkeit und Tanzerei, dass nicht alles glatt läuft und tuttifrutti ist, damit muss gerechnet werden.

Jetzt mache ich mir einen Tee. Und hoffe, dass im Gegensatz zu der Krtik im Vorhinein auf die Kritik im Nachhinein reagiert wird. Dass es im nächsten Jahr eine Aktion gibt, die Frauen* in ihrer Diversität begreift und wirklich empowernd ist. Dass wir wütend sein können, tanzen können, wütend tanzen und ganz still sein können. Und dass allen zugehört und Raum gegeben wird. Anders habe ich keine Lust mehr auf große und kommerzielle Aktionen.



Zum Weiterlesen: 





Dienstag, 25. September 2012

#MMwird5: juhuhu! - - - wtf?!

Dieser Text wird eine Reflektion über den vergangenen Samstag, an dem ich u.A. zusammen mit der Faserpiratin nach Berlin gefahren bin, um mit der Mädchenmannschaft und vielen anderen ihr fünfjähriges Bestehen zu feiern. Im Vorfeld haben wir uns alle sehr darauf gefreut und alles zusammengenommen war es ein tolles Wochenende, jedoch bin ich selbst immer noch etwas angeschlagen. Im allerletzten Podium des Tages ist es zu einem massiven Rassismusfail gekommen, der sich schon während der Diskussion abzeichnete. Viel mehr als der Fail ist der Umgang des MM-Teams darauf Grund für meine Angeschlagenheit. (Wie Faserpiratin schon sagte: ich möchte den Vorfall hier selbst weder beschreiben, noch kommentieren. Das war indiskutabel, der "Inhalt" irrelevant und ich möchte das nicht reproduzieren. Wer mehr darüber lesen will: unten habe ich Texte dazu verlinkt.) Fakt ist: Mehrere PoC haben den Raum verlassen. Zu Recht.

Aber eins nach dem anderen. Ich habe versucht, Fragen, Unsicherheiten und Probleme zu sammeln und werde das einfach mal zusammenhangslos runterrasseln:


  • Erster Irritationsmoment schon nach dem Blick ins Programmheft: Wieso finden vor der Begrüßung schon Workshops statt? (Dadurch war zB der Zine-Workshop mit Franziska einfach mal eine Stunde früher beendet, weil natürlich alle die Begrüßung mitbekommen wollten und das fand ich sehr schade.)
  • Die Begrüßung war nett und schön, aber was fehlte:
  1. kritische Anmerkungen zur Diskussionskultur und dem Umgang miteinander. Nur im Programmheft wird aufgerufen, bei *istischer Kackscheiße Krawall zu machen. 
  2. Wieso wurde das nicht noch mal betont? Oder geklärt, WAS genau nicht okay ist und WIE man Krawall machen/eingreifen soll?
  3. Wieso gab es keine abgesprochenen Kommunikationsstrategien um bei *istischer Kackscheiße zu intervenieren? (Rote Karten, Trillerpfeifen, Kackscheiße-Schilder, Handbewegung...) So lässt sich in/mit der Gruppe Kackschieße stoppen.
  4. Wieso wurden keine Konsequenzen für evtl. Verantwortliche genannt? (Raum/Lokalität verlassen)
  5. Wieso wurde keine konkrete Anlaufstelle für Betroffene geschaffen? (Das MM-Team hatte alle Hände voll zu tun, ein kleines Awareness-Team pro Raum wäre toll gewesen.)
  6. Kurze Vorstellung des Programms, Zusammenfassung der Anwesenden Organisationen
  • Ich hatte den Eindruck, dass die MM sich vorher nicht/kaum abgesprochen hatte, was im Fall von Kackscheiße zu tun sei. Als die Scheiße dann tatsächlich da war, waren die beiden (?) Anwesenden der MM unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollten, haben zu lange gewartet, durch den Abbruch die Sache im Raum stehen lassen und so alles andere als Solidarität mit Betroffenen gezeigt.
  • Ja, ich muss mir auch selbst an die Nase packen. Wie die meisten anderen im Raum habe ich die Augen verdreht, halblaut geflucht und während des Fails stand ich ungläubig mit der Hand vorm Mund und aufgerissenen Augen im Raum und bin zu spät laut und deutlich geworden. Da war eine PoC schon gegangen, eine weitere war gerade dabei das zu tun. ABER: Ich gehöre nicht zu den VeranstalterInnen, die mMn, mehr noch als jede Privatperson verantwortlich dafür sind, sichere Räume zu schaffen und zur Not auch vom Hausrecht Gebrauch machen können.
  • PoC haben den Raum verlassen, wieso musste das nicht die Person tun, die Rassismus reproduziert hat? Die Person hatte offensichtlich wenig Ahnung von rassistischen Strukturen, trotzdem war ihr klar, dass ihre Frage vermutlich "irgendwie nicht so okay" sein wird. (Durch ihr Nuscheln und Rechtfertigen bevor sie die Frage stellte, mutmaße ich das jetzt mal.)
  • Der SW war ein akutes Thema, welches Raum und kritische Untersuchung verdient hat. Der Rahmen war jedoch sehr fragwürdig - eine Vertreterin, die erst seit ein paar Wochen dabei ist? Die Diskussion verlief sehr schnell genau so unfruchtbar, wie sie es schon online und vor dem SW war - ein Statement pro Seite hätten ausgereicht, danach hat sich eh alles im Kreis gedreht und die SW-Vertreterin, sowie zwei Beteiligte im Publikum machten schnell deutlich, dass sie die Kritik daran nicht hör(t)en wollen. ("Ihr redet ja nicht mit uns", "eure Kritik ist nicht konstruktiv" - bla bla, das stimmt alles nicht und was war auch allen Anwesenden klar.) 
  • Wieso dem Raum geben, wieso PoC damit belasten? Ohne SW-Vertreterin hätte vermutlich viel kontruktiver über das Thema diskutiert werden können. (Mögliche Alternativnamen, Alternativkonzepte, Weiterentwicklung vom Original oder dem, was daraus gemacht wurde, Ausschlüsse analysieren und vorbeugende Maßnahmen finden...) So glich die Aktion eher einer Talkrunde bei "hart aber fair" - mit vergleichbar niedrigem Niveau.
  • Die beiden anderen Vertreterinnen, die für hollaback und bühnenwatch da waren, haben tolle Projekte, deren Vorstellung durch die Diskussion um den SW viel zu kurz kamen.
  • Wieso ist Rassismus das schwierigste Thema von allen? Es gibt FLT-Räume und Sexismus, Cis- & Hetersosexismus wären mit ziemlicher Sicherheit sehr schnell sanktioniert worden. Warum dürfen Leute aber über einen längeren Zeitraum latent rassistische Sachen von sich geben, so lange, bis es komplett knallt?
  • Wieso überschnitten sich zwei der nur drei FLT*-Veranstaltungen?
  • Die MM ist ein Online-Projekt. Viele BesucherInnen twittern und/oder bloggen, eine Anregung für Namens- oder Avatarbilder für alle, die Lust darauf hätten, wäre toll gewesen. Immerhin gab es genügend Bastelworkshops und sogar eine Buttonmaschine.
  • Der Vorraum oben war leider nicht ideal. Das ist aber für mich das kleinste Problem, da ich mir sehr gut vorstellen kann, wie schwierig es ist, eine Lokalität zu finden, die den Ansprüchen an Größe, Lage, Barrierefreiheit etc. entspricht.
  • Nach allem, was ich mitbekommen habe kann die MM nix dafür und es gab genug Stress mit den Leuten vom Haus, aber das (vegane) Essen war übertrieben lieblos.
Natürlich haben mir auch Sachen gefallen:
  • Der Zine-Workshop mit Franziska war toll! Ich habe mich vorgestellt mit dem Satz, dass ich total unkreativ und unbegabt sei und bin jetzt doch sehr zufrieden mit meinem technisch eher unbedarften und nicht fertiggestellten Whitedudessatire-Zine! Außerdem hat sie eine angenehme Atmosphäre geschaffen und eine tolle Balance gefunden zwischen "Du darfst alles machen, was du willst" und entsprechenden Tipps, was man denn so alles machen kann. Ich hab Lust jetzt weiterzumachen!
  • Ich habe Leute kennen gelernt! Über Twitter haben wir uns lose mit verschiedenen Menschen verabredet und ich hatte mir vorgenommen alle, die ich irgendwie (er)kenne anzusprechen. Das hat mal mehr, mal weniger gut geklappt und darf gerne vertieft werden, aber immerhin bei einigen war es ein Anfang!
  • Der hollaback at home - Workshop war interressant und lehrreich. gleichzeitg ernüchternd und ermutigend.
  • Die Musikerinnen haben mir gut gefallen und ich hab sogar eine CD gekauft, die auf der Rückfahrt lief und ich bin ganz verliebt in die Texte.
  • Ich habe den spontanen Programmierworkshop zwar nicht besucht, abes ich finds toll, dass der stattfinden konnte!
  • Bemühungen für Barrierefreiheit und Kinderbetruung waren nach dem, was ich mitbekommen habe gelungen. Dass es überhaupt veganes Essen gab, finde ich toll und zumindest der Kuchen war echt lecker.
  • Noah Sow hat ihren Auftritt als Hauptact abgesagt und mit anderen PoC ein Panel geformt um sich noch mal zu äußern. Das finde ich krass, ich hätte es erwartet und ihr auch nicht im geringsten übel genommen, wäre sie einfach gegangen. Schön, dass so am Abend wenigstens PoC das letzte Wort hatten. (Aber das ist wirklich nur ein sehr kleiner Trost.)

Was bleibt: Ich habe immer noch nicht alles ganz sacken lassen, obwohl wir schon viel diskutiert haben. Bin immer noch nicht ganz fertig, veröffentliche jedoch, obwohl mir bestimmt noch viel einfällt. Gelernt habe ich auf alle Fälle einiges. Ich ärgere mich immer noch über mich selbst, merke wie dringend notwendig ich einen Interventionsworkshop brauche, wie wichtig es ist, keine Angst mehr vor "all eyes on me" zu haben, Den Mund auf zu machen, wenn ich das Bedürfnis habe, mich in mein Schneckenhaus zu verziehen, auf Unsicherheiten zu scheißen und mich solidarisch hinter (!) die Leute zu stellen, denen der Raum genommen wird. Viel wichtiger: mit dafür zu sorgen, dass ihnen der Raum nicht mehr genommen wird. Ich mache das jetzt schon, wenn ich Betroffene und/oder Reproduzierende kenne, weil ich das Privileg habe, mich zumindest dann sicher fühlen zu können. Aber ich muss mich das auch trauen, wenn das Setting neu und ungewohnt für mich ist und ich die Beteiligten nicht kenne. 
Es bleibt das Wissen darüber, dass dies mal wieder nur die Spitze des Eisbergs war, dass der gesamtgesellschaftliche strukturelle und alltägliche Rassismus für mich unvorstellbare Außmaße haben muss und der Schock darüber, dass dieses Wissen auch in emanzipatorischen Räumen nicht selbstverständlich ist. Es macht sich in mir eine Ohnmacht breit, die ich selbst beseitigen muss, sie macht Menschen unfähig zu handeln und das nährt rassistische Strukturen jeden Tag und überall.

Es haben die falschen Menschen den Raum verlassen. Dass es so weit kommt, ist eigentlich schon ein Statement, mindestens aber eine Bestandsaufnahme, die alle Weißen sehr selbstkritisch stimmen sollte. 
Die Anstrengung ist nicht sichtbar, sagte Noah Sow am selben Abend noch und sie hat Recht. Check your privileges and do some Critical Whiteness. Und verlasst dazu auch mal die Theorie, den Schreibtisch und die Filterbubble. Because you can.


Weitere Texte:
accalmie - you walk alone (hier auf Deutsch) (ich betone: ausgesprochen !!! lesenswert)
Kotzendes Einhorn - die Mädchemannschaft wird 5 Jahre alt


Anmerkungen:
- SW meint "Slutwalk" - eine internationaleBewegung gegen Vergewaltigungsmythen, der jedoch berechtigterweise schon viel Kritik entgegengebracht wurde.
- PoC meint People of Color, eine selbstgewählte Bezeichnung für Menschen, die nicht weiß sind, bzw. keine weißen Privilegien haben.

Mittwoch, 27. Juni 2012

(Street) Harassment oder: Warum "Hallo" nicht einfach "Hallo" ist.

Triggerwarnung: Schilderung von sexueller Belästigung ab dem fünften Absatz

Vor etwa einem Monat wurde das Thema der sexuellen Belästigung, im speziellen des Street Harassments heiß dikutiert. Ich glaube, angefangen hat die Diskussion mit einem Beitrag von Helga auf der Mädchenmannschaft mit dem Titel Street Harassment - so siehts aus und dann nahm das so seinen Lauf. Faserpiratin hat zwei Artikel dazu geschrieben (Meine Erfahrung mit Street Harassment, Flirten ≠ Belästigung), High on Clichees schreibt Die Straße gehört den Anderen und besonders bezeichnend fand ich einen Artikel vom Rookie Magazine, welches eigentlich eine private Unterhaltung in der Facebook-Gruppe der Redaktion war, dann entschlossen sie sich jedoch dazu, die Unterhaltung als Artikel unzensiert zu veröffentichen (It happens all the Time, engl.).  

Zu dem Zeitpunkt hatte ich auch schon so ein paar Gedanken zu dem Thema, die mir im Kopf herumschwirrten, ich konnte sie aber noch nicht richtig ordnen. Außerdem passierte bei dem Mädchenmannschafts-Artikel ziemlich schnell etwas ganz anderes, als Helga eigentlich vorhatte: Statt auf ein Problem aufmerksam zu machen, über das man dann gemeinsam diskutieren konnte, wurde von der ein oder anderen Person Derailing betrieben, also vom eigentlichen Thema abgelenkt. Unter anderem wurde argumentiert mit "Darf man jetzt nicht mal mehr 'Hallo' sagen?! 'Hallo' ist ja wohl total harmlos, wenn du dich davon angegriffen fühlst, bist du einfach nur überempfindlich!" Im Hinterkopf hatte ich dazu einen bestimmten Artikel, mit dem ich argumentieren wollte, wieso "Hallo" nicht einfach "Hallo" ist. Leider habe ich den Artikel erst jetzt gefunden - also erfolgt meine Auseinandersetzung mit dem Thema auch erst so spät. Das ist aber nicht allzu schlimm, das Thema ist eigentlich immer aktuell. Den Artikel "The Politics of Hello" findet ihr hier, meine Gedanken dazu folgen im unteren Teil.

Aber was ist Street Harassment denn eigentlich? Wie Faserpiratin möchte ich da auf stopstreetharassment.org verweisen. Mit Street Harassment sind folgende Handlungen gemeint: 

anzügliche Blicke, pfeifen, hupen, Kussgeräusche, nicht explizit als sexuell gewertete Kommentare, aber eben auch sexuell aufgeladene Kommentare, vulgäre Gesten, Stalking, öffentliche Selbstbefriedigung, sexuelle Berührungen, Körperverletzung und Mord.

Und ja, das kann auch mal nur ein einfaches "Hallo" beinhalten. Oder "Hey, du bist süß." Oder sonst etwas. Erschreckend ist, dass alle Mädchen und Frauen, mit denen ich mich schon mal über das Thema unterhalten habe, keine war, die noch nicht in irgendeiner Weise Erfahrung mit dieser Form von Belästigung gemacht hat. Leider muss man sich des Öfteren dafür rechtfertigen, oder sich anhören, man würde übertreiben, man soll sich nicht so anstellen, es sei doch bestimmt nett gemeint gewesen. Dazu soll gesagt sein, dass es sich bei Street Harassment nicht um eine Form der Kontaktaufnahme handelt - es sind Handlungen die einzig und allein dazu führen, die Betroffenen zu verunsichern.

Ich werde im Folgenden ein paar Beispiele schildern, die ich unter das Thema "sexuelle Belästigung" zusammenfassen möchte, die Grenzen sind da sehr fließend und nicht jede Belästigung findet im öffentlichen Raum statt, die meisten Formen der Belästigung haben aber mindestens einen ähnlichen Effekt. 


Ich bin ca. zehn Jahre alt. Meine Armbanduhr ist kaputt, ich fahre zum Uhrenmacher in der Stadt. Dieser sagt mir, ich kann in einer Stunde wieder kommen. Ich weiß nicht was ich in der Zwischenzeit machen soll, kaufe mir ein Eis und setze mich auf die Bank vor dem Laden. Ein Junge kommt vorbei, er ist maximal drei Jahre älter als ich, aber schon sehr groß und kräftig. Er spricht mich an, möchte mit mir reden, ich bin zu schüchtern um zu sagen, dass ich das nicht möchte, sage nur "hmmmmm." und schaue weg. Er steht wieder auf, stellt sich hinter mich, legt seine Hände um meinen Hals, würgt mich leicht und fragt "Tut das weh?", ich sage "Ja klar!", er würgt noch fester. Ich bekomme Panik, reiße mich los und renne in den Laden. Erzählt habe ich die Geschichte zum ersten Mal ungefähr acht Jahre später.

Auf der Arbeit ist ein Typ mit Kollegen von mir befreundet, im Folgenden nenne ich ihn Tom. Tom findet sich selbst ziemlich toll und schleppt reihenweise Frauen ab. Vermutlich denkt er, jede Frau findet ihn geil, keine Ahnung. Er ist ein großen Freund von Küsschen-Küsschen-Begrüßungen und Berührungen im Allgemeinen. Das finde ich bei guten Freunden von mir nicht so schlimm, ich bin zwar nicht besonders körperbetont, aber wenn das alles auf einer freundschaftlich-brüderlichen Ebene abläuft, ist das ok für mich. Bei ihm ist das anders, er hat immer diesen gewissen Augenaufschlag, ein Zwinkern und dieses "heeeeyyyy, na, Dani....." mit im Gepäck. Er umarmt länger als andere Menschen, schaut tiefer in die Augen, streichelt über die Schulter, massiert ungefragt den Nacken usw. Das hat auch nichts mit mir persönlich zu tun, er macht das einfach bei allen Frauen. Ich sage ihm, ich mag das nicht so gerne, er soll das bitte lassen. Tom akzeptiert das eine Weile, begrüßt mich seitdem aber immer mit "Heeeeey, bei der Dani muss ich immer so vorsichtig sein" *zwinkerzwinker*. Irgendwann hat er es wohl vergessen, er macht es jetzt wieder genau so wie vorher. Ich habe keine Lust es ihm nochmal zu erklären und versuche hauptsächlich, ihn einfach zu ignorieren.

Eines Abends bin ich sehr gefühlsduselig, in meiner Familie ist etwas passiert, was mich emotional sehr aufgerüttelt hat. Wir sitzen in einer Gruppe zusammen, alle trinken Alkohol, ich werde gesprächig und emotional. Irgendwann  ist es spät, wir sind nur noch zu zweit und die Person möchte mich trösten, nimmt mich in den Arm - alles ok so weit. Als wir gehen wollen umarmt mich die Person von hinten und fasst mir von oben unter mein T-Shirt an die Brüste - ich erstarre. Ich hatte das nicht erwartet, bin total verunsichert und verwirrt, verstehe die Situation nicht. Ich kenne die Person gut, sie ist viel älter als ich, niemals war irgendetwas Sexuelles vorgefallen. Im selben Moment wie ich mich aus der Situation befreien möchte, lässt er mich los, entschuldigt sich. Ich nuschel "egal, egal." und gehe. Am nächsten Tag ruft er mich an und entschuldigt sich nochmal, ich glaube ihm auch und sage wieder "egal, egal, vergessen wir das." Ich habe keine Angst vor der Person, tatsächlich denke ich selten daran, aber wenn, dann frage ich mich immer wieder, was da eigentlich passiert ist. Bis heute gehört die Person zu einem Kreis von Menschen, die ich regelmäßig sehe, ich kann und will das auch aus bestimmten Gründen nicht ändern, deswegen habe ich die Sache sofort ignoriert und verdrängt und noch niemals jemdandem davon erzählt.

Ich komme von der Uni, es ist mitten am Tag. Drei Jungs, etwa mein Alter quatschen mich an und fragen, ob ich ihnen den Weg in die Stadt erklären könnte. Ich mache das, die drei Jungs lachen sich schlapp, ich denke ich habe vielleicht etwas dummes gesagt und frage, was nicht stimmt. Die Jungs lachen weiter, einer sagt "Ach nichts, wir wissen selbst, wie man in die Stadt kommt, wir wollten dich nur eigentlich fragen, ob du mit uns ins Pacha kommst!" (Anmerkung an alle nicht-Kölner_innern: Pacha ist ein ziemlich großer und bekannter Puff in Köln.) Ich fühle mich dumm und scheiße, sage "Ach, fickt euch doch." und gehe weiter. Hinter mir höre ich, wie sich sich gegenseitig auf die Schulter klopfen , lauthals lachen und das total lustig und geil finden.

Situationen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause (oder auch mal nach dem Feiern), meistens ist das zwischen zwei und vier Uhr nachts, fasse ich mal zusammen: "Heyyyyyyy, bleib mal stehen!", "Ey, du bist voll geil!", "Dein Fahrrad ist aber laut, kann ich bei dir schlafen, wenn ich das repariere?!", "Ey guck mal, die Alte da!" - "Nee, die is voll schäbig!", "Hallo, hallo, willst du mich heiraten?", "Du bist ja voll süß, gibst du mir deine Nummer?" uswusf.

Eine mir nahe stehende Person - im Weiteren Julia genannt - ist 16 Jahre alt und alleine zu Hause. Ein alter Freund der Familie - im Weiteren Thomas genannt - wurde von Julias Mutter beauftragt irgendwas handwerkliches im Haushalt zu erledigen, Thomas hat einen Schlüssel und kommt unangemeldet vorbei. Julia weiß nichts davon, steht Sonntags morgens auf, geht ganz normal in Schlafsachen in die Küche und macht sich etwas zu Essen. Thomas kommt aus dem Keller, ist überrascht, dass Julia da ist, setzt sich zu ihr und die beiden unterhalten sich. Sie bemerkt seine Blicke auf ihren nackten Beine und ihrem Dekolletee, sie fühlt sich langsam unwohl. Er kommt näher, fasst sie an den Beinen an und stellt ihr Fragen, ob das okay für sie wäre. Julia fühlt sich wie versteinert und braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis sie aufspringt, in ihr Zimmer rennt und die Türe abschließt. Sie ruft ihre Mutter an um sie zu bitten nach Hause zu kommen und die Schlösser zu wechseln, diese meint, sie "hätte das bestimmt missverstanden, Thomas kenn ich schon seit meiner Geburt" und kommt erst zwei Tage später wieder nach Hause. Nach mehreren Wochen lässt sie neue Schlösser anbringen, nach ein paar weiteren Wochen fragt sie Julia, ob sie nicht noch mal mit Thomas reden wollen würde, er hätte ihr erklärt, sie hätte das bestimmt falsch verstanden. Desweiteren versucht sie, Julia davon abzubringen Thomas anzuzeigen und versucht sogar über ihre Freundinnen und ihre Schwester Druck auszuüben.
Der Alterunterschied zwischen Julia und Thomas beträgt - geschätzte - 50 Jahre.


Das letzte Beipiel passt schon eigentlich gar nicht mehr in das Thema Street Harassment, mir geht es jedoch darum, die Allgegenwärtigkeit von sexueller Belästigung zu zeigen - und mit Allgegenwärtigkeit meine ich nicht, dass ich jeden Tag belästigt oder missbraucht werde - sondern viel mehr ein Klima, das herrscht, in dem man sich als Mädchen oder Frau darauf einstellt, dass es immer und überall zu Übergriffen und dummen Kommentaren kommen könnte, weil jede das selbst schon mal erlebt hat, oder eine kennt, die das schon erlebt hat, oder eine kennt, die eine kennt... Oft wird dann Victimblaming betrieben. "Naja, du bist halt nachts alleine unterwegs, da kann das passieren, wunder dich doch nicht." oder "du hattest halt so kurze Sachen an, ist doch klar, dass ein Mann da so drauf reagiert." "Du hast das falsch verstanden, das war nicht so gemeint" ist auch ein Klassiker. Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer finden soll - die Belästigung oder die Umkehrung der Schuldfrage.


Aber was ist jetzt dran, am einfachen "Hallo"? Fakt ist folgendes: Das Wort 'Hallo' hat erst mal nichts Sexuelles. Selbstverständlich fühle ich mich nicht jedes mal belästigt, wenn man 'Hallo' zu mir sagt. Aber es hat schon Kontexte gegeben, in denen dieses eine, scheinbar neutrale Wort gereicht hat, um mich belästigt zu fühlen. Es kommt nämlich - Oh Wunder! - ganz auf das Wie an. Möchte mich jemand ansprechenen und wirklich kennen lernen? Oder möchte sich jemand einen Spaß machen, mich ärgern, etwas Aufmerksamkeit erregen? Das perfide an "Hallo" ist, dass es eben so neutral und sogar freundlich wirkt/wirken kann. In vielen Situationen, sagt "Hallo" aber etwas ganz anderes, bzw. viel mehr aus: "Hallo, Frau, sieh mich an, reagier auf mich, sei dankbar dafür, dass ich dich gut finde." 
Das ist der problematische Punkt. Ich muss nicht dankbar für Belästigung sein, ich muss nicht dankbar dafür sein, dass jemand mich geil findet, es muss mich nicht mal interessieren. Ein "Hallo" in diesem Kontext drückt eine Selbstverständlichkeit aus, die es nicht geben sollte, eine Illusion desjenigen, der es gesagt hat. Es ist keine Begrüßung, sondern eine Forderung, die mich als Subjekt degradiert und zum Objekt macht. Gleichzeitig kann man hinterher aber sagen "Was denn, ich hab doch nichts gemacht!". Und erklärt mal einem, sagen wir mal Polizisten oder einer Polizistin, dass ihr euch belästigt gefühlt habt, weil euch jemande mit einer international verständlichen Floskel gegrüßt hat. Klappt nicht? Richtig, war ja auch nicht so gemeint, jetzten seien Sie mal nicht so, der Herr wollte doch nur freundlich sein.


Faserpiratin verweist auf den Artikel von High On Clichees "Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?" Dort werden meiner Meinung nach sehr gute, logische und irgendwie selbstverständliche "Regeln" erklärt: Achte auf die Körpersprache deines Gegenübers, sprich ihn/sie nicht in Situationen an, aus der es kein "Entkommen" gibt, halte Abstand, respektiere Ablehnungen usw. Tatsächlich ist es doch so: Wie viele Liebesgeschichten haben damit angefangen, dass eine Person sich auf der Straße in eine unbekannte Person verknallt und diese dann zugetextet hat? Und nein, Hollywood zählt nicht.  Nicht, dass das gar nicht geht - ich bin auch schon mal in der Bahn angesprochen worden, von einem Typ, der deutliches Interesse hatte, jedoch höflich war und alle der oben genannten "Regeln" intuitiv beachtet hat. 
Wer mich kennen lernen möchte, macht mir nicht im Vorbeigehen einen Kussmund, sagt nicht "ey, geiler Arsch!" und der/die merkt auch, dass ich nicht möchte oder nicht interessiert bin, wenn ich in einer Unterhaltung nur einsilbigen Antworten gebe, ständig nach rechts und links oder auf den Boden schaue, oder eben auch ganz klar sage "Nein, ich bin nicht interessiert!". Es geht um Grenzen, die eingehalten werden müssen, diese zu erkennen ist nicht schwer, sich darüber hinwegzusetzen ist ein bewusster Akt, der die Person absichtlich verunsichert oder sogar demütigt. 
Wenn man jemanden sympatisch findet, dann findet man auch einen Weg, die Person in ein Gespräch zu verwickeln. Z.B. über das Buch, welches die Person gerade liest (er will nicht unterbrochen werden? - Okay, dann lass ihn.), über die Bahn, die immer zu spät kommt (sie schaut dich nur genervt an? - Sorry, kein Interesse.), ob sie die Party auch so scheiße findet, das Bild in der Ausstellung auch so toll und so weiter. Es gibt hunderte Möglichkeiten, Menschen freundlich und interessiert anzusprechen, ein plattes "Hallo" gehört nur selten dazu und letzten Endes ist es meine Entscheidung, wann ich mich belästigt fühle und da gibt es dann auch nichts zu diskutieren.