Wenn ich zurück an meine Kindheit denke (hach, klingt das alt), dann wird mir immer klarer, wie dankbar ich meinem Vater bin. Auf der einen Seite immer ein Kind geblieben und für fast jeden Spaß zu haben, auf der anderen Seite hat er neben all seiner Albernheit nie die Ernsthaftigkeit verlorenn. Er ist zu großen Teilen dafür verantwortlich, dass meine Schwester und ich heute Menschen sind, die nicht wegschauen wollen, die, obwohl sie hinsehen nicht immer sofort auch alles glauben was sie sehen, die stets kritisch und skeptisch sind. Den eigenen Kopf benutzen und mitdenken, auch mal gegen populäre Meinungen sein können, das habe ich von ihm gelernt. Ebenfalls, dass man mit seiner Umwelt und seinen Mitmenschen behutsam umgeht. Eine meiner prägendsten Erinnerungen ist folgendes Gespräch:
Ich: Aber Papa, die anderen machen das auch, wenn nur ich meinen Müll nicht wegwerfe, bringt das doch nichts.
Er: So darfst du niemals denken. Wir sind nicht die anderen und nicht immer ist das richtig, was alle anderen sagen oder tun.
Ich: Verstehe ich nicht.
Er: Sieh mal, eine Mark ist nicht viel Geld. Aber wenn hundert Menschen eine Mark geben, dann hast du schon hundert Mark.
Ich war da vielleicht fünf Jahre alt, aber seit diesem Zeitpunkt versuche ich mich genau daran zu halten. Ich informiere mich, bilde mir eine Meinung und handle auch dementsprechend. Wenn das nicht der Norm entspricht, wird man immer schief angeguckt. Egal, ob man als Kind über Alufolie meckert, keine mehrfach verpackten Lebensmittel kaufen will, als Teenager als erste im Dorf eine Leggings trägt, die katholische Kirche in einer konservativen CDU-Gemeinde kritisiert, als Student das zugedröhnte Partyleben grundsätzlich schrecklich findet, oder man sich als Erwachsener gegen bestimmte Lebensmittel entscheidet.
Das klingt rebellisch. Aber, obwohl ich mich hin und wieder als Spielverderber gefühlt habe, war ich das nie. Ich war nie laut und habe Theater veranstaltet, ich habe nur immer getan was ich richtig fand und habe mit anderen darüber gesprochen.
Aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass ich noch lange nicht so konsequent bin, dass ich meinen eigenen moralischen Ansprüchen Genüge tun würde. Praktisch bei allem was ich kaufe, geben ich einem schlechten Teil der Welt mein Geld.
Wenige Konzerne verdienen sich dumm und dämlich und der Verbraucher sieht / bekommt nur die positiven Seiten (Verfügbarkeit, niedriger Preis, Luxus etc.) daran zu sehen. Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, dass der Verbraucher das allein in der Hand hält. Die Nachfrage bestimmt immerhin das Angebot. Heute sehe ich das völlig anders. Dem Verbraucher wird es so schwer wie möglich gemacht sich zu informieren. Hinter der Industrie steckt ein riesiger Apparat der institutionalisierten Geheimhaltung. Gut getarnt durch diverse Siegel, die Qualität oder Herkunft bescheinigen sollen, direkte oder indirekte Werbung, die von allen Seiten suggeriert, was wir brauchen und uns einredet, was gut für uns sei. Von all den Schlupflöchern hat kaum jemand Ahnung, sie herauszufinden ist denkbar schwierig. Längst sind Industrie, Politik und Wirtschaft stark verknüpft. Subventionen und Steuererleichterungen sind nicht für die Gesundheit der Menschen gedacht, sonder für Gewinnmaximierung bestimmter Industriezweige. Der Verbraucher steht vor einem fast unentwirrbarem Labyrinth aus falschen, halbfalschen und wahren Informationen, die kaum zu unterscheiden sind. Und auch das nimmt er nur als solches wahr, wenn er sich bewusst und absichtlich damit beschäftigt. Lebensmittel- und Pharmakonzerne tun so, als wollen sie nur unser Bestes. Sobald ein Wissenschaftler spricht, wird ihm sofort Glauben geschenkt. Es geht immer so weiter.
Es wurden Siegel wie "bio" und "fairtrade" eingeführt, die sich Maßnahmen auferlegen, die ich eigentlich für selbstverständlich halte. Aber heute bilden sie nur eine kleine Nische im konventionellen Supermarktangebot, die unser Gewissen beruhigen soll. Natürlich, sozial und gesund ist nicht billig genug, liegt nicht im Trend, verspricht nicht das schnelle Geld.
An all das und an die globalen Konsequenzen für Mensch, Tier und Natur wurde ich durch die Postings von
Tisi,
Zombiekatze und
MixedGreens wieder erinnert.
Vegan leben ist ein erster Schritt. Aber wenn ich die Ausbeutung von Tieren ablehne ist es falsch als Konsequenz darauf auf billiges Kunstleder zurückzugreifen, Kinderarbeit, Aufkaufen von Ernten in hungerleidenden Ländern, massive Verschwendung, von Ressourcen etc. hinzunehmen. Vegan hin oder her, das ist alles in meinen Augen gleich falsch.
Meine persönlichen Vorsätze:
1. Fair Trade
Kaffee trinke ich schonmal nicht, aber ich beziehe das auf Schokolade, Nüsse, Textilien etc. Vor allem bei Letzterem sehe ich jetzt schon, dass ich Schwierigkeiten bekommen werde, aber ich werde mein Bestes geben.
2. Müllvermeidung
im Allgemeinen weniger kaufen, bewusst Gerichte mit Lebensmitteln zubereiten, die sonst wegmüssten, keine Plastiktüten mehr!
3. Palmöl
Mit Kleidung wohl das wohl schwierigste Thema für mich, da viele meiner nach dem Veganismus liebgewonnenen Produkte auf Palmöl basieren. Peanutbutter wird ab sofort
selbstgemacht, alle anderen Produkte werden aus meinem Repertoire gestrichen oder zumindest durch faire Alternativen ersetzt. Das Zeug scheint ja wirklich überall drin zu sein.
4. Strom
Eine WG-interne Entscheidung und sicherlich auch eine Kostenfrage. Aber auf Grundlage
diesen Artikels der Albert Schweitzer Stiftung werde ich mal einen Stromwechsel ansprechen.
Außerdem werde ich im Rest der Wohnung ausschaltbare Mehrfachstecker anbringen.
5. Lebensmittel
Trotz teilweise erheblicher Preisunterschiede möchte ich noch mehr Bio-Produkte kaufen. Am liebsten vom Markt, direkt und frisch von den Händlern und weniger bei Discountern. Lokal und saisonal. Kein Nestlé, kein Kraft mehr usw.
6. Soziales Engagement
Mit meinem Beruf strebe ich schon etwas in diesem Bereich an. Aber statt bis dahin zu warten, möchte ich meine bisher eher sporadische Teilnahme an der
save me-Kampagne wieder ausbauen.
7. Urlaub
Ich liebe Reisen. Ich liebe fremde Städte, fremde Kulturen usw. Aber ich werde Flüge, besonders Billigflüge wo es nur geht vermeiden, stattdessen wieder Zug oder mit der Mitfahrgelegenheit fahren.
8. Kleidung
Hängt eng mit Punkt 1. Fair Trade zusammen, ich führe das hier bewusst separat an, da ich dort wohl auf die meisten Schwierigkeiten treffen werde. Ich mag Mode und weil sie dort so erschwinglich ist, kaufe ich oft bei H&M & Co. Das will ich in Zukunft vermeiden. Ich möchte weniger, dafür hochwertigere und fair gehandelte Alternativen finden und wieder mehr second hand kaufen. Darauf freue ich mich regelrecht!
Ein andres Problem sind bei mir Schuhe. Seitdem mein Vater mir mit 13 das Buch "
No Logo" von Naomi Klein gab, wollte ich eigentlich niemals Nike Produkte kaufen. Und jetzt befinden sich doch mehrere Paare in meinem Besitz. Zum einen ist mein Freund verrückt nach Turnschuhen und schenkt mir gerne mal welche. Zum anderen habe ich einen riesigen Unterschied in der Qualität und meinem Wohlbefinden gespürt. Ich arbeite oft 10-12 Stunden ohne Pause als Kellnerin, am nächsten Tag schmerzen mir mit den falschen Schuhen die Füße, Schienenbeine und die Knie. Mit meinen Nike Sneakern nicht oder zumindest nur wenig.
Hier muss ich gestehen die Entscheidung auf einen Punkt zu verschieben, an dem ich neue Schuhe brauche und das dauert hoffentlich noch eine Weile.
Diese Liste ist mit Sicherheit unvollständig und vor allem eins: unbefriedigend. Ich merke wie ich beim Schreiben überlege, ob ich das, obwohl es so wenig scheint, wirklich schaffen kann. Aber das war beim Veganismus auch so und jetzt fällt es mir unglaublich leicht.
Wie allen anderen geht es auch mir so, dass ich all dieses Wissen oft als Last empfinde. Manchmal möchte ich mein Laptop aus lauter Wut aus dem Fenster werfen, weil ich nicht mehr von all dem wissen möchte. Aber andererseits kann ich einfach nicht aufhören zu lesen.
Es kann nicht sein, dass ein winzig kleiner Teil der Welt im absoluten Überfluss lebt, weil wir den Großteil der anderen Menschen und Tiere ausbeuten, auf den Erhalt der Natur keine Rücksicht nehmen, die Meere leer fischen und gleichzeitig unseren Müll hineinkippen. Und es kann nicht sein, dass Politiker und Ökonome das wissen und fröhlich weiter machen. Und es kann auch nicht sein, dass Menschen das egal geworden ist. Ich möchte gerne so handeln und kaufen, dass ich das mit meinen moralischen Ansprüchen vertreten kann, aber oft gibt es keine faire Alternative und ich fühle mich betrogen und hilflos. In welcher Welt lebe ich, dass es schwierig und ungeheuer kompliziert ist sich menschen- und umweltgerecht zu verhalten? Für all die Armut auf der Welt ist der zerstörerische Reichtum in unseren Breitengraden zu großen Teilen verantwortlich. Und ich weiß, dass ich mit bloßem Boykott oder Verzichtserklärungen nichts ändern kann und das es niemanden interessiert.
Zwei Dinge treiben mich trotz des ganzen Pessimismus an:
Jeder Bürger muss sich wieder daran erinnern, dass er Einfluss hat. Statt Sätze zu sagen wie "bringt doch eh alles nichts" soll er Unmut für Demonstrationen, Streiks und Proteste nutzen. Egal um welches Thema es geht.
Ich möchte mit meinem Konsumverhalten nicht an dem Schlechten an dieser Welt teilhaben. Ich alleine, das ist zu wenig, das ändert auch nichts. Aber es gibt noch viel mehr Menschen, denen auch etwas an Nachhaltigkeit, Menschenrechten und Aufrichtigkeit liegt. Jeder Mensch mehr, der bewusste Entscheidungen trifft, ist etwas Gutes. Auch wenn es nichts bringt, es ist trotzdem richtig.