Ich beziehe mich in diesem Posting auf einen Onlineartikel (Triggerwarnung: der lässt einem wirklich die Haare zu Berg stehen) in dem einfach ausgedrückt Veganer, Schulmedizin- und Impfkritiker als verantwortungslose Eltern hingestellt werden, die ihre Ideologie (sic!) über das Leben ihres Kindes stellen. Eigentlich ist das für mich kein Posting (mehr) wert, jedoch fühle ich mich an ein Gespräch mit einer guten Freundin erinnert, ihres Zeichens Medizinstudentin, eine sehr gute sogar.
Aber erst mal zum Artikel: Es geht damit los, dass Ärzte erzählen, dass immer mehr mangelernährte Kinder in die Krankenhäuser kommen, teilweise mit irreparablen gesundheitlichen Schäden. Meist seien diese Kinder von ihren Eltern aus ideologischen Gründen vegan ernährt worden. Das wird dann erst mal ein wenig Bild-Zeitungsmäßig ausgeführt, bis dann eine interessante Wende eintritt: Im Artikel wird zugegeben, dass es nicht an der veganen Ernährung also solcher liegt. Stattdessen geht es speziell um ein einziges Vitamin, tadaaaaa, wer hätte es gedacht: B12, welches nicht supplementiert wurde, obwohl dies eine einfache Möglichkeit sei, dem Problem entgegenzuwirken. Aha.
Meine Freundin N., die Medizinstudentin, hat mich vor einiger Zeit über meine Ernährung ausgefragt. Weniger über die ethischen Hintergründe - die schien sie schon zu kennen - sondern über meine Ernährungsrealität. Nicht im Sinne von "Aber was kannst du denn dann noch essen?!" sondern ziemlich vernünftig über Vor- und Nachteile, über Eisen, Proteine und auch über B12. Auch über Schwangerschaft und Kinder bekommen. Ihr Argument war die selbe Beobachtung wie im oben genannten Artikel: wenn unterernährte Kinder in ihre Abteilung kommen (was grundsätzlich sehr selten passiere), dann seien die Eltern meist Veganer.
Ich habe ihr daraufhin die Frage gestellt wie viele übergewichtige, oder sogar stark adipöse Kinder ins Krankenhaus kommen, mit welchen Beschwerden und wie ernähren ihre Eltern diese Kinder.
Ich brauche wahrscheinlich nicht weiter auszuführen, dass "diese" Kinder weitaus mehr Fälle stellen, und nicht von veganen Eltern stammen als es die fünf veganen unterernährten Kinder aus dem Artikel tun. (Sechs Prozent der Kinder in Deutschland sind adipös. Quelle) Ich will auch damit beides nicht schönreden oder schlimmer darstellen, als das andere, sondern vielmehr auf etwas ganz normales aufmerksam machen: Eltern können Fehler machen. Das trifft auf omnivore Eltern, genauso wie auch auf vegane Eltern zu. Nicht jeder Veganer ist super gut über Ernährung informiert, nicht jeder Veganer ist ein toller, vernünftiger Mensch. Genauso wenig wie das bei allen anderen Eltern auch der Fall ist. Man kann mit jeder Ernährungsform Fehler machen, das Problem ist weniger, dass die einen von der Ideologie geblendet werden, sondern viel mehr, dass einige Eltern eben schlecht informiert sind. Und die steigende Zahl der schlecht ernährten veganen Kinder erkläre ich mir einfach schon damit, dass es eben immer mehr Veganer gibt. Wenn die Gesamtmenge wächst, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass darunter Eltern stecken, die es falsch machen. Die es übrigens vielleicht unvegan auch schon falsch gemacht hätten, wer weiß das schon so genau.
Nur ist es eben so, dass die Folgen von schlechter, oder falscher Ernährung von omnivoren oder veganen Kindern (das sollte man eigentlich noch viel weiter ausdifferenzieren, hier gibt es ja innerhalb von vegan und omnivor noch wahnsinnig großen Spielraum) tendenziell unterschiedlich ausfallen. So kommen die einen falsch ernährten Kinder eher mit B12-Mangel, die Anderen eher mit Zivilisationskrankheiten, wie z.B. immer häufiger mit Diabetes ins Krankenhaus.
Das Gespräch mit N. ist so geendet, dass sie gesagt hat, sie hätte den Eindruck, dass ich sehr gut informiert sei, ich wisse was ich tue und das so auch funktionieren kann. Genau so haben es mir auch schon zwei angehende Ernährungswissenschaftlerinnen bestätigt (eine meinte sogar, sie wundere sich, dass bei all dem, was sie lernen, nicht mehr Studenten vegetarisch oder vegan leben würden, sie selbst war seit Kurzem Vegetariern), genau so wie meine Ärztin.
Das zeigt mir mal wieder eins ganz deutlich: Als Veganer ist es essenziell, immer auf dem neuesten Stand und ordentlich informiert zu sein. So wird man ernstgenommen, demonstriert Verantwortungsbewusstsein und es gibt außerdem nichts schöneres, als wenn ein überhaupt nicht informierter Gesprächspartner merkt, dass er genau das ist: nicht informiert. So konnte ich schon vielen Leuten den Wind aus den Segeln nehmen.
Wenn ich bei all meinen Recherchen zu dem Entschluss gekommen wäre, dass der Mensch tierische Produkte tatsächlich braucht, wäre ich niemals komplett vegan geworden. So viel zum Thema Ideologie.



