Also das hier ist vegan und feministisch. Weil sonst alles scheiße ist.
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Montag, 3. Dezember 2012

Über die vegane Weltrettungskackscheiße


Als ich vegan wurde, habe ich mich mit Händen und Füßen gegen dieses Übermensch-Argument gewehrt. Dass alle veganen Menschen sich für etwas Besseres halten. Weil sie die Lebensweise gefunden haben, die den wenigsten Schaden anrichtet, Tiere als lebenswerte Lebewesen respektiert, absolut umweltschonend ist und sie "den Leuten in Afrika" nicht das Getreide wegnehmen. Zum Glück ist mir diese Einstellung persönlich eher selten begegnet. Die veganen Menschen, die ich bis jetzt kennenlernte und die meisten, die zur – ich nenns jetzt mal – Blogging Community gehören, sind da etwas bescheidener. In letzter Zeit sind mir dann aber Leute "begegnet"... da weiß ich, was gemeint ist, wenn unvegane Menschen genervt von vegan lebenden Menschen sind.

Irgendwie scheint sich die Einstellung breit zu machen, dass es alle Probleme der Welt lösen würde, wenn alle Menschen vegan leben würden. Ich werf jetzt mal was total und absolut Oberkrasses in den Raum: Das ist Bullshit! Was mich wütend macht, ist diese Einstellung, diese Überzeugung davon, total kritisch zu sein und dann nicht mal etwas weiter denken zu können als "an die armen Tiere". Hier mal ein paar "Argumente" und Herangehensweisen, die ich unter Veganer_innen sehr problematisch finde.


Hauptsache vegan, ansonsten ist alles egal!

Als der Linksunten-Artikel über Kim Wonderland online ging, hat es beschissene Reaktionen und "Argumente" aus allen möglichen Perspektiven gegeben. Was mich richtig abgefuckt hat, waren all die "Hauptsache vegan, der Rest ist doch egal!" - Kommentare. Oder auch "Seid wann ist es verboten, mit Nazis befreundet zu sein, sind doch auch nur Menschen?!" Oder weiter "Das ist doch ihre Privatsache, das geht uns gar nichts an!" Ich meine, hackts?! Geht's noch unkritischer? Noch ätzender? Noch rechtsoffener? Komplett unabhängig davon, ob was dran ist oder nicht, was geht denn in den Köpfen von Leuten vor, die so eine Scheiße von sich geben? Natürlich ist es NICHT okay! Mit Menschen, die einer menschenverachtenden Ideologie angehören, ist man "nicht einfach nur so" befreundet. Es ist auch nicht alles egal, so lange man vegan lebt. Veganismus ist ein winzigkleiner Teil vom Großen Ganzen. Wie kann Veganismus irgendwas erreichen, wenn mit Nazis abgehangen wird? Dadurch wird die Welt nicht besser. Sie wird dadurch schlechter.

Wie können Menschen sagen, dass sie "sogar auch" an die Tiere denken, nicht nur wie viele Menchen, die nur an Menschen denken, weil sie vielleicht sie anfaschistisch oder was auch immer sind. Ganz ehrlich, in der veganen "Szene" gibt es ziemlich wenig Leute, die sich neben Veganismus auch noch mit anderen Dingen beschäftigen. Es muss natürlich nicht jede_r alles wissen/machen/lesen, aber man kann ja wohl erwarten, dass man sich dann zumindets zurückhält, wenn man sich (noch) nicht mit dem entsprechenden Thema auseinandergesetzt hat. Wir sagen alle, wir sind gegen Diskriminierung jeglicher Art, aber wenn ein rassistischer/sexistischer/homophober Witz gemacht wird, heißt es ganz schnell "das ist aber nicht so gemeint" oder "ich finde ja nicht, dass das diskriminierend ist." Meine Reaktion darauf ist ungefähr die selbe, als wenn sich irgendein Heini als Alleswisser_in aufspielt und darüber referiert wie sehr er_sie Tiere liebhat, während er_sie in sein_ihr Steak beißt. Es ist ein Widerspruch. 

Unsere Gesellschaft ist von diskriminierenden Strukturen durchzogen. Diese zu verstehen, ist nicht immer leicht und manchmal will man sie auch nicht wahrhaben. Frag doch mal das Tier, das gegessen wird – Frag doch mal den Menschen, der diskriminiert wird. Klingelt da was? Wir sollte nicht so tun, als gäbe es sonst keine Probleme auf der Welt. Und vor allem sollten wir aus den Fehlern derjenigen lernen, die reden, ohne Ahnung vom Thema zu haben. Immerhin wissen doch die meisten wie das ist und es nervt uns alle ungemein.


Ich bin viel veganer als du und du machst XYZ, das ist voll unvegan!

Ich beobachte, dass Veganer_innen quasi unter Selbstgeißelung Veggie-Monopoly spielen und jede_r so schnell und direkt wie möglich ins Ziel kommen möchte. Da gibt es teilweise Wettstreits sondergleichen und wer auf der Strecke bleibt, der_die war nur nicht stark genug. Vegan sein bedeutet per Definition alle Produkte abzulehnen, für die Tiere leiden mussten. Menschen sind auch nur Tiere, also müssten alle Veganer_innen auch komplett Fair Trade leben. Und am besten auch regional, saisonal und bio. Weil dadurch dem Planeten und somit auch Menschen und anderen Tieren am wenigsten angetan wird. Aber mal ehrlich – bis wohin geht das Spiel? Kann da überhaupt jemand gewinnen? Im veganen Monopoly wurde ich mit Sicherheit schon sehr oft zurück auf Start geschickt, wenn ich nicht schon längst im Gefängnis gelandet bin. Bin ich dafür selbst verantwortlich? Ja, zum Teil. Zum Teil aber auch nicht. 

Ich weiß nicht, wie häufig schon der Satz "Wir leben alle in einer unveganen Welt" heruntergebetet wurde. Aber er stimmt. Veganismus ist kein allheilbringendes Lebensprizip, welches ich konsequent und ohne Rücksicht auf Verluste verfolge. Es ist auch nicht möglich. Wie häufg wurde schon ausdiskutiert, was man dann alles nicht mehr machen dürfte. Straßenbahnfahren, Autofahren, ins Kino gehen, keine Ausnahme für die Oma vom Freund machen, wenn die sich Mühe mit einer Alternative gemacht hat, aber trotzdem etwas Butter zu den Kartoffeln gegeben hat, die Handcreme der Freundin nicht benutzen, obwohl die Haut rissig und trocken ist und so weiter. 
Hinzukommt, dass Fair Trade Klamotten verdammt noch mal beschissen teuer sind.  Unabhäging davon, dass sie gerechtfertigterweise teuer sind und einen realistischen "fairen" Preis haben, ist einfach zu sagen "Kauf halt einen statt zwei" blanker Hohn in den Ohren derjeniger, die kaum Kohle haben um zu überleben. Es ist auch blanker Hohn in de Ohren derjenigen, die sich nicht nur am superveganen Maß messen (wollen), sondern sich auch an anderen Erwartungen und Maßen messen, wie zum Beispiel Schönheitsidealen.
Second Hand, Kleiderkreisel und ebay, das ist alles toll und sinnvoll, aber auch das kostet zeitliche Ressourcen, die nicht allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich in meiner Superkorrektheit vielleicht Menschen günstige Kleidung wegschnappe, die sie wirklich benötigen. Das ist ein Gedanke, der mir zutiefst widerstrebt.
Das alles als "die strengen sich nur nicht genug an" darzustellen, ignoriert tatsächliche Verhältnisse und Lebensrealitäten und führt dazu, dass Veganismus nur der kleinen, arroganten Bildungselite offen steht, die sich anmaßt, über alles und jede_n zu urteilen.


Vegan leben, weil woanders Menschen an Hunger sterben

Was mich fast am meisten ankotzt ist diese ewige Analogie, man würde "Menschen in Afrika" das Getreide wegnehmen und wenn wir alle vegan werden würden, dann müsste niemand mehr hungern. Schon klar, es gibt die Fälle, in denen Ländern Getreide abgekauft wurde, obwohl Dürren bevorstanden. Aber es ist nicht ganz so einfach. Viele haben sicherlich den Film "We feed the World" gesehen. Dort sagt Jean Ziegler (selbst Vegetarier, so weit ich weiß aus humanistischen Gründen, übrigens hat er sehr lesenwerte Bücher über Armut und Hunger geschrieben) etwas entscheidendes: "Der World Food Report besagt, dass die Weltlandwirtschaft, so wie sie heute ist, ohne Probleme 12 Milliarden Menschen ernähren könnte."(klick) Zur Zeit leben laut Wikipedia etwa 7,01 Miliarden Menschen auf der Erde. (klick) Wir haben kein Mengenproblem. Wir haben ein Verteilungsproblem. Es werden Staaten, Menschen ausgebeutet. Es gibt genug Essen für jeden Menschen auf dieser Welt. Sogar für viel mehr Menschen auf der Welt. Das ist eines der Erben der Kolonialgeschichte. Mit Bildern wie "wir müssen den Armen helfen" werden wieder rassistische Strukturen reproduziert. "Wir" müssten eigentlich überhaupt nicht helfen. Wir müssten mit der Ausbeutung aufhören, Reparationen zahlen und Verantwortung übernehmen. 

Natürlich, die Landwirtschaft ist am Arsch. Regenwälder werden zerstört, meist für Tierfutter, aufgekauftes Getreide ist meist Tierfutter, Mais in den Staaten ist meist Tierfutter. Die Meere sind bald leer gefischt, der Planet ist voller Müll, die Böden voller Gifte. Um genug Lebensmittel und andereüberlebensnotwendige aber aucn unwichtige Dinge für 12 Milliarden Menschen zu erwirtschaften musste bereits einiges massiv zerstört werden. Nichts desto trotz. Wenn alle Menschen in Europa, den Staaten und so weiter vegan werden würden, wäre imperiale und kolonialgeschichtlich verankerte Ausbeutung nicht zu Ende. Kolonial- und Kapitalismuskritik sind entscheidende Ansätze, um diese Strukturen zu erklären. Beides ist auch durchaus miteinander verwoben und besonders im Zusammenhang mit dem veganen Welthungrrettungsargument ein eigens Posting wert. Heute bleibe ich aber mal bei einfachen Sätzen: Reichtum braucht Armut. Wer reich sein will, muss andere unten halten. Stichworte wären zum Beispiel: Regierungen, (Groß)Konzerne, Lobbys. Ihre Werkzeuge sind unter anderem Institutionen wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfond. Die Güter aus armen Ländern sollen wettbewerbsfähig auf den Weltmarkt geworfen werden, IWF und Weltbank verteilen dazu ganz großmütig und absolut selbstlos Kredite zu horrenden und repressiven (finanziellen) Bedingungen. Länder wie Brasilien, welches einst den höchsten, jemals gewährten Kredit bekommen hat, zahlen sich dumm und dämlich, nur um die Zinsen solcher Kredite zu tilgen. Da bleibt wenig bis nichts mehr übrig für den Ausbau der Infrastruktur, Bildung für alle, Investitionen in einen Sozialstaat oder Reformen für die Landwirtschaft. Diese Kredite dienen hauptsächlich dazu, die Vormachtstellung eh schon reicher Länder beizubehalten und führen eh schon arme Länder in die ewige Abhängigkeit.


Ganz kurz, falls es eine vergessen hat: Wer vegan lebt wird dünn, gesund und schön!

Diese Attribute da oben scheinen ja irgendwie synonym benutzt zu werden, was mich schon sehr ärgert. Im Fatshaming-Artikel habe ich ja bereits auf die Vielfalt menschlicher Körper hingewiesen. Außerdem bitte ich euch alle, schaut euch doch mal um. Die Veganer_innen, die ich kenne, sehen genau so aus, wie die unveganen Menschen, die ich kenne. Es gibt dicke und dünne, große und kleine, blasse und gebräunte, welche mit Cellulite und ohne, mit Pinkeln und ohne, mit seidenglänzendem Haar und mit trockener Strubbelmähne, gesunde und kranke. Das könnte ich eeeeewig so weiterführen. Und alles davon ist okay! Die vegane Community ist unterliegt denselben Schönheitsidealen, wie der Rest der Gesellschaft. Sich davon zu befreien, das wäre mir echt viel wert.


Weg von der individualistischen Perspektive, hin zu mehr allgemeiner und emanzipatorischer Herrschaftskritik!

Zu Beginn habe ich es mir wirklich sehr schwer gemacht. Ich dachte, Veganismus sei ein Boykott, und ich könne so die Nachfrage regulieren (natürlich nicht alleine, sondern in der Masse). Heute muss ich ein bisschen darüber schmunzeln. Es ist viel größer. Die Nachfrage alleine regelt nicht das Angebot und Veganismus alleine rettet nicht die Welt. Menschen beuten Natur, Tiere und andere Menschen aus. Das hat System und sehr tiefe historische Wurzeln, die sämtliche globalen und wirtschaftlichen Beziehungen durchflechten. Diese Wurzeln lassen sich nicht durch eine andere, nettere Konsumform ausreißen. Damit kann man man nicht mal die Schäden beheben, die dadurch der Oberfläche entstehen.

Ich habe versucht in allem korrekt zu sein. Mehr Fair Trade kaufen, nur bio Gemüse und so weiter. Gerade ändern sich etwas meine (finanziellen) Lebensumstände und mit Blick in meine Zukunft muss ich sagen, diese Einstellung ist sehr arrogant. Wer kann das denn bitteschön? Wenn ich von allen Menschen erwarte möglichst nah an die 100 % Perfektion zu kommen, machen wir uns allen nur selbst das Leben schwer. Und wir erreichen gar nichts. Wir erreichen auch nicht die Menschen, die von den Strukturen so vernachlässigt und unterdrückt sind, dass sie weder zeitliche noch finanzielle Ressourcen haben, um in diesem Spiel die Turmstraße kaufen zu können, gechweige denn die Schlossallee.

Ich will eine politische Bewegung. Eine, die zwar selbstkritisch ist, aber versteht, dass nicht Einzelpersonen die Gestalt der Welt mit Konsumentscheidungen verändern  können. Es ist toll, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, in ihrem Leben für irgendwas einstehen oder zurücktreten. Und ich wünsche mir auch, dass das alle Menschen tun würden, die es können. Das löst aber diese Probleme nicht. Es ist eine beschissene Unverschämtheit und eine verdammte Ungerechtigkeit, dass es solche ausbeuterischen Strukturen gibt. Dass wir in Verhältnissen leben, die es so schwer macht, gute Entscheidungen zu treffen. Ich will, dass diese Entscheidungen für alle Menschen zugänglich gemacht werden, nein, ich will, dass ich mich überhaupt gar nicht erst zwischen "gut" und "schlecht" entscheiden muss. Dieser unkritische, selbstreferenzielle Wohlfühlveganismus ist so ein Lifestyle für Superpriviligierte, die  sich gegenseitig für ihre kleinen ökologischen Fußabdrücke auf die Schulter klopfen. Da hab ich keinen Bock drauf und da mach ich auch nicht mit.


EDIT am 12.12.2012: Ich möchte euch zum Weiterlesen diesen Blogeintrag von zapperlott ans Herz legen. Auszug: 
  Was übrig bleibt ist die rein private Suche nach dem moralisch korrektem Konsum, um das Gewissen zu beruhigen. Bereits das ist eine folgenreiche Verblendung, die in der Konsequenz zu der besagten »veganen Weltrettungskackscheiße« führt.

Dienstag, 25. September 2012

Eure Freiexemplare können mich mich mal.

Wäre ja auch zu schön, wenn ich mal nicht genervt wäre. In letzter Zeit ist mir mal wieder etwas aufgefallen, was mir gehörig auf meine 100Milliarden Eier geht. Werbeanfragen. Total nett und gut gemeint. "Wir schicken ihnen XYZ, dazu ein paar Fotos und die offizielle [wuhuhuuuuuu!] Pressemitteilung. Gerne können Sie das zu redaktionellen Zwecken auf Ihrem Blog verwenden." Wisst ihr was? Nö! Will ich nicht, geht mir weg damit.

Ja, ich schreibe manchmal über Sachen, die ich echt toll finde. Zum Beispiel über Schokolade von moofree. Die ist aber auch geil! Und die hab ich selbst gekauft und ich kann schreiben was/wie viel/ob ich will oder nicht. Wenn ich was richtig scheiße finde, sag ich das auch, oder auch nicht, je nachdem wie viel Lust ich gerade dazu habe.

Versteht mich nicht falsch - ich finde es toll, unsere noch kleine Community zu unterstützen, kleine Labels zu bewerben und so weiter. Die haben das verdient, der Markt ist hart. Aber dass mich bereits etablierte Firmen, die teilweise horrende Preise für Produkte verlangen, die sich kaum eine/einer von uns hier leisten könnte (und auch unabhängig davon einfach lächerlich hoch sind), oder Firmen, deren Produkte doch eh schon in jedem beknackten (sorry) Biomarkt zu kaufen sind, um Werbung bitten und die Frechheit haben, das nicht mal so zu nennen, sondern so tun, als täten sie mir damit einen Gefallen (!!!!!!!), das ist pervers.

Ein paar weitere Punkte habe ich in einer Antwortmail verfasst, die ich heute abschickte. Grund war die Anfrage eines Unternehmens auf kostenlose Werbung, die so fomuliert war, als sei das für mich ne wahnsinnig geile Angelegenheit.

Sehr geehrte Frau XXX,

vielleicht haben Sie sich ja meinen Blog angesehen, bevor Sie mir diese Mail schickten. Dann hätten Sie vermutlich bemerkt, dass ich Werbung nur sehr (!) spärlich einsetze. Vielleicht haben Sie den Blog aber auch nicht angeschaut, dann ist Ihnen das natürlich auch nicht aufgefallen. In beiden Fällen finde ich es doch sehr befremdlich, wenn Sie mich als potentielle Werbepartnerin anschreiben und bin sehr erstaunt über Ihre Marketingstrategie.

Mein Blog ist keine Werbeveranstaltung. Bloggen ist meine Freizeitbeschäftigung, dennoch ist es Arbeit. Ich könnte in der Zeit ganz viele andere produktive Sachen machen. Zum Beispiel Geld verdienen, meine Hausarbeiten zuende schreiben, die Wäsche waschen oder Häuser besetzen. Ich blogge, weil ich finde, dass ich etwas zu sagen habe und den Austausch mag - den gegenseitigen, nicht den einseitigen. Ich will keinen Fame und keine Fans, ich will auch kein Geld und keine Freiexemplare. Ich will meine Unabhängigkeit behalten. Und meine kritischen LeserInnen ebenfalls.

Sie können sicher sein, wenn ich ihr Produkt ganz superklassetoll finde, dann würde ich da schon selbst drüber schreiben. Und dazu brauche ich auch keine offiziellen Hochglanzfotos. Ich bin ja nicht ProSieben oder SpiegelOnline.  Ich bin eine bloggene Privatperson, politisch engagiert, ich schreibe, worauf ich Bock habe und mache Fotos mit meiner Handykamera.

Selbstverständlich sind Sie auf Werbung angewiesen. Aber dann fragen Sie doch zum Beispiel mal bei Magazinen in diesem speziellen Themensegment nach. Mir ist aufgefallen, dass Sie zum Beispiel nicht in der Kochen ohne Knochen werben. Das ist merkwürdig, denn das ist doch Ihre perfekte Zielgruppe. (Achja, hätten Sie meinen Blog gelesen, hätten Sie auch gesehen, dass ich für dieses Magazin schreibe.) Sicher - das kostet. Aber immerhin müssen die HerausgeberInnen dieses unterstützenswerten Magazins (und viele andere ebenfalls) auch davon leben, ganz genau wie Sie. Ich muss das nicht, ich schenke zum Geldverdienen Kölsch aus.

BloggerInnen vor den eigenen Zaun zu spannen, die Unsicherheit und vielleicht auch den Stolz von großen Firmen für wichtig genug gehalten zu werden auszunutzen, und so kostenfrei an (scheinbar) individualisierte Schmeichelwerbung zu kommen, das finde ich peinlich. Eine Anzeige aufzugeben, auf Messen, Straßenfesten und in den Medien präsent zu sein, das mag anstregend sein, ist aber ehrlich und für alle Beteiligten fair.

Ich bitte Sie also inständig in Zukunft von weiteren Anfragen dieser Art abzusehen. Zumindest was mich betrifft, für andere kann ich natürlich nicht sprechen.

Mit freundlichen Grüßen
Daniela Große

PS: Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich diese Mail in anoymer Form auf meinem Blog veröffentlichen werde.


Ich bitte euch, lasst euch nicht von großen Unternehmen instrumentalisieren. Wählt aus, worüber ihr schreibt, wen ihr bewerbt. Was habt ihr, eure LeserInnen und das Unternehmen wirklich davon, wenn ihr einen Müsliriegel, einen Joghurt oder whatever bewerbt, den doch eh schon alle kennen? Schaut, wer hinter der Anfrage steckt, eine etablierte Marke oder ein frisch gestartetes Unternehmen? Ein paar engagierte Leute mit guter Idee? Dann gerne, die dürfen mir auch schreiben. Das befindet sich auf Augenhöhe. Alle anderen: Lasst es lieber, ihr macht euch nur unbeliebt.

#MMwird5: juhuhu! - - - wtf?!

Dieser Text wird eine Reflektion über den vergangenen Samstag, an dem ich u.A. zusammen mit der Faserpiratin nach Berlin gefahren bin, um mit der Mädchenmannschaft und vielen anderen ihr fünfjähriges Bestehen zu feiern. Im Vorfeld haben wir uns alle sehr darauf gefreut und alles zusammengenommen war es ein tolles Wochenende, jedoch bin ich selbst immer noch etwas angeschlagen. Im allerletzten Podium des Tages ist es zu einem massiven Rassismusfail gekommen, der sich schon während der Diskussion abzeichnete. Viel mehr als der Fail ist der Umgang des MM-Teams darauf Grund für meine Angeschlagenheit. (Wie Faserpiratin schon sagte: ich möchte den Vorfall hier selbst weder beschreiben, noch kommentieren. Das war indiskutabel, der "Inhalt" irrelevant und ich möchte das nicht reproduzieren. Wer mehr darüber lesen will: unten habe ich Texte dazu verlinkt.) Fakt ist: Mehrere PoC haben den Raum verlassen. Zu Recht.

Aber eins nach dem anderen. Ich habe versucht, Fragen, Unsicherheiten und Probleme zu sammeln und werde das einfach mal zusammenhangslos runterrasseln:


  • Erster Irritationsmoment schon nach dem Blick ins Programmheft: Wieso finden vor der Begrüßung schon Workshops statt? (Dadurch war zB der Zine-Workshop mit Franziska einfach mal eine Stunde früher beendet, weil natürlich alle die Begrüßung mitbekommen wollten und das fand ich sehr schade.)
  • Die Begrüßung war nett und schön, aber was fehlte:
  1. kritische Anmerkungen zur Diskussionskultur und dem Umgang miteinander. Nur im Programmheft wird aufgerufen, bei *istischer Kackscheiße Krawall zu machen. 
  2. Wieso wurde das nicht noch mal betont? Oder geklärt, WAS genau nicht okay ist und WIE man Krawall machen/eingreifen soll?
  3. Wieso gab es keine abgesprochenen Kommunikationsstrategien um bei *istischer Kackscheiße zu intervenieren? (Rote Karten, Trillerpfeifen, Kackscheiße-Schilder, Handbewegung...) So lässt sich in/mit der Gruppe Kackschieße stoppen.
  4. Wieso wurden keine Konsequenzen für evtl. Verantwortliche genannt? (Raum/Lokalität verlassen)
  5. Wieso wurde keine konkrete Anlaufstelle für Betroffene geschaffen? (Das MM-Team hatte alle Hände voll zu tun, ein kleines Awareness-Team pro Raum wäre toll gewesen.)
  6. Kurze Vorstellung des Programms, Zusammenfassung der Anwesenden Organisationen
  • Ich hatte den Eindruck, dass die MM sich vorher nicht/kaum abgesprochen hatte, was im Fall von Kackscheiße zu tun sei. Als die Scheiße dann tatsächlich da war, waren die beiden (?) Anwesenden der MM unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollten, haben zu lange gewartet, durch den Abbruch die Sache im Raum stehen lassen und so alles andere als Solidarität mit Betroffenen gezeigt.
  • Ja, ich muss mir auch selbst an die Nase packen. Wie die meisten anderen im Raum habe ich die Augen verdreht, halblaut geflucht und während des Fails stand ich ungläubig mit der Hand vorm Mund und aufgerissenen Augen im Raum und bin zu spät laut und deutlich geworden. Da war eine PoC schon gegangen, eine weitere war gerade dabei das zu tun. ABER: Ich gehöre nicht zu den VeranstalterInnen, die mMn, mehr noch als jede Privatperson verantwortlich dafür sind, sichere Räume zu schaffen und zur Not auch vom Hausrecht Gebrauch machen können.
  • PoC haben den Raum verlassen, wieso musste das nicht die Person tun, die Rassismus reproduziert hat? Die Person hatte offensichtlich wenig Ahnung von rassistischen Strukturen, trotzdem war ihr klar, dass ihre Frage vermutlich "irgendwie nicht so okay" sein wird. (Durch ihr Nuscheln und Rechtfertigen bevor sie die Frage stellte, mutmaße ich das jetzt mal.)
  • Der SW war ein akutes Thema, welches Raum und kritische Untersuchung verdient hat. Der Rahmen war jedoch sehr fragwürdig - eine Vertreterin, die erst seit ein paar Wochen dabei ist? Die Diskussion verlief sehr schnell genau so unfruchtbar, wie sie es schon online und vor dem SW war - ein Statement pro Seite hätten ausgereicht, danach hat sich eh alles im Kreis gedreht und die SW-Vertreterin, sowie zwei Beteiligte im Publikum machten schnell deutlich, dass sie die Kritik daran nicht hör(t)en wollen. ("Ihr redet ja nicht mit uns", "eure Kritik ist nicht konstruktiv" - bla bla, das stimmt alles nicht und was war auch allen Anwesenden klar.) 
  • Wieso dem Raum geben, wieso PoC damit belasten? Ohne SW-Vertreterin hätte vermutlich viel kontruktiver über das Thema diskutiert werden können. (Mögliche Alternativnamen, Alternativkonzepte, Weiterentwicklung vom Original oder dem, was daraus gemacht wurde, Ausschlüsse analysieren und vorbeugende Maßnahmen finden...) So glich die Aktion eher einer Talkrunde bei "hart aber fair" - mit vergleichbar niedrigem Niveau.
  • Die beiden anderen Vertreterinnen, die für hollaback und bühnenwatch da waren, haben tolle Projekte, deren Vorstellung durch die Diskussion um den SW viel zu kurz kamen.
  • Wieso ist Rassismus das schwierigste Thema von allen? Es gibt FLT-Räume und Sexismus, Cis- & Hetersosexismus wären mit ziemlicher Sicherheit sehr schnell sanktioniert worden. Warum dürfen Leute aber über einen längeren Zeitraum latent rassistische Sachen von sich geben, so lange, bis es komplett knallt?
  • Wieso überschnitten sich zwei der nur drei FLT*-Veranstaltungen?
  • Die MM ist ein Online-Projekt. Viele BesucherInnen twittern und/oder bloggen, eine Anregung für Namens- oder Avatarbilder für alle, die Lust darauf hätten, wäre toll gewesen. Immerhin gab es genügend Bastelworkshops und sogar eine Buttonmaschine.
  • Der Vorraum oben war leider nicht ideal. Das ist aber für mich das kleinste Problem, da ich mir sehr gut vorstellen kann, wie schwierig es ist, eine Lokalität zu finden, die den Ansprüchen an Größe, Lage, Barrierefreiheit etc. entspricht.
  • Nach allem, was ich mitbekommen habe kann die MM nix dafür und es gab genug Stress mit den Leuten vom Haus, aber das (vegane) Essen war übertrieben lieblos.
Natürlich haben mir auch Sachen gefallen:
  • Der Zine-Workshop mit Franziska war toll! Ich habe mich vorgestellt mit dem Satz, dass ich total unkreativ und unbegabt sei und bin jetzt doch sehr zufrieden mit meinem technisch eher unbedarften und nicht fertiggestellten Whitedudessatire-Zine! Außerdem hat sie eine angenehme Atmosphäre geschaffen und eine tolle Balance gefunden zwischen "Du darfst alles machen, was du willst" und entsprechenden Tipps, was man denn so alles machen kann. Ich hab Lust jetzt weiterzumachen!
  • Ich habe Leute kennen gelernt! Über Twitter haben wir uns lose mit verschiedenen Menschen verabredet und ich hatte mir vorgenommen alle, die ich irgendwie (er)kenne anzusprechen. Das hat mal mehr, mal weniger gut geklappt und darf gerne vertieft werden, aber immerhin bei einigen war es ein Anfang!
  • Der hollaback at home - Workshop war interressant und lehrreich. gleichzeitg ernüchternd und ermutigend.
  • Die Musikerinnen haben mir gut gefallen und ich hab sogar eine CD gekauft, die auf der Rückfahrt lief und ich bin ganz verliebt in die Texte.
  • Ich habe den spontanen Programmierworkshop zwar nicht besucht, abes ich finds toll, dass der stattfinden konnte!
  • Bemühungen für Barrierefreiheit und Kinderbetruung waren nach dem, was ich mitbekommen habe gelungen. Dass es überhaupt veganes Essen gab, finde ich toll und zumindest der Kuchen war echt lecker.
  • Noah Sow hat ihren Auftritt als Hauptact abgesagt und mit anderen PoC ein Panel geformt um sich noch mal zu äußern. Das finde ich krass, ich hätte es erwartet und ihr auch nicht im geringsten übel genommen, wäre sie einfach gegangen. Schön, dass so am Abend wenigstens PoC das letzte Wort hatten. (Aber das ist wirklich nur ein sehr kleiner Trost.)

Was bleibt: Ich habe immer noch nicht alles ganz sacken lassen, obwohl wir schon viel diskutiert haben. Bin immer noch nicht ganz fertig, veröffentliche jedoch, obwohl mir bestimmt noch viel einfällt. Gelernt habe ich auf alle Fälle einiges. Ich ärgere mich immer noch über mich selbst, merke wie dringend notwendig ich einen Interventionsworkshop brauche, wie wichtig es ist, keine Angst mehr vor "all eyes on me" zu haben, Den Mund auf zu machen, wenn ich das Bedürfnis habe, mich in mein Schneckenhaus zu verziehen, auf Unsicherheiten zu scheißen und mich solidarisch hinter (!) die Leute zu stellen, denen der Raum genommen wird. Viel wichtiger: mit dafür zu sorgen, dass ihnen der Raum nicht mehr genommen wird. Ich mache das jetzt schon, wenn ich Betroffene und/oder Reproduzierende kenne, weil ich das Privileg habe, mich zumindest dann sicher fühlen zu können. Aber ich muss mich das auch trauen, wenn das Setting neu und ungewohnt für mich ist und ich die Beteiligten nicht kenne. 
Es bleibt das Wissen darüber, dass dies mal wieder nur die Spitze des Eisbergs war, dass der gesamtgesellschaftliche strukturelle und alltägliche Rassismus für mich unvorstellbare Außmaße haben muss und der Schock darüber, dass dieses Wissen auch in emanzipatorischen Räumen nicht selbstverständlich ist. Es macht sich in mir eine Ohnmacht breit, die ich selbst beseitigen muss, sie macht Menschen unfähig zu handeln und das nährt rassistische Strukturen jeden Tag und überall.

Es haben die falschen Menschen den Raum verlassen. Dass es so weit kommt, ist eigentlich schon ein Statement, mindestens aber eine Bestandsaufnahme, die alle Weißen sehr selbstkritisch stimmen sollte. 
Die Anstrengung ist nicht sichtbar, sagte Noah Sow am selben Abend noch und sie hat Recht. Check your privileges and do some Critical Whiteness. Und verlasst dazu auch mal die Theorie, den Schreibtisch und die Filterbubble. Because you can.


Weitere Texte:
accalmie - you walk alone (hier auf Deutsch) (ich betone: ausgesprochen !!! lesenswert)
Kotzendes Einhorn - die Mädchemannschaft wird 5 Jahre alt


Anmerkungen:
- SW meint "Slutwalk" - eine internationaleBewegung gegen Vergewaltigungsmythen, der jedoch berechtigterweise schon viel Kritik entgegengebracht wurde.
- PoC meint People of Color, eine selbstgewählte Bezeichnung für Menschen, die nicht weiß sind, bzw. keine weißen Privilegien haben.

Freitag, 14. September 2012

KoK #9

Mal so für Zwischendurch: die neue Kochen ohne Knochen ist da, yaaaaaay! Beim letzen Mal hab ichs vergessen, für diese Ausgabe wollte ich mal wieder ein hübsches gif vorbereiten ;)
Ich komme gerade vom Abos packen und das heißt, nächste Woche liegt die neue Ausgabe entweder schon in eurem Briefkasten, oder zumindest im nächstgelegenen und gut sortiertem Bahnhosfkiosk.


















Themen in dieser Ausgabe sind unter Anderem Sea Shepherd/Paul Watson, mit dem wir im Juni ein Interview führten, vegane Ernährung während der Schwangerschaft, Vegansimus und Magersucht (dazu habe ich u.A. die Anna interviewt) und außerdem gibt es natürlich wieder Rezepte, Buchbesprechungen und andere feine Sachen.
Diese Ausgabe liegt mir sehr am Herzen, besonders das Watson-Interview war aufregend, zeitintensiv und auch haarsträubend. Wenn Menschen so heldenhaft vereehrt werden, bin ich ja immer etwas kritisch, auch wenn ich Sea Shepherd als Organisation schon sehr schätze. (Erste Skepsis und Verwirrung hatte ich hier schon mal gepostet) Die ein oder andere Vermutung hat sich im Interview bestätig und ich bin froh, dass wir nun manche Dinge schwarz auf weiß haben, denen er vorher gerne mal ausgewichen ist, einfach weil die Meinungen dazu auseinander gehen. Interessant und lesenswert ist es allemal, auch wenn ich ihm in weiten Teilen nicht zustimmen kann, oder vielmehr seine Meinung für mehr als bedenklich und nicht teilbar halte. Die Gerichtsverfahren, bzw. den Haftbefehl von Interpol halte ich nach wie vor für eine politische Show, um sich eines unliebsamen Gegners zu entledigen. 
Mein Herzblut floss allerding in den Artikel, in dem ich mich mit Schönheiteidealen und dem Gesundheitswahnsinn innerhalb der veganen Szene auseinandergesetzt habe, mit dem Schwerpunkt auf Magersucht. In diesem Blog habe ich mich ja schon mal darüber aufgeregt, wie sehr mir das Fatshaming in weiten Teilen der veganen Szene auf die Nerven geht. In diesem Artikel wollte ich darauf aufmerksam machen, wie gefährlich diese Doppelmoral und die falschen Bilder sind.
Der Rest des Heftes ist natürlich auch nicht verachtenswert und stellt mal wieder viele tolle und interessante Menschen samt ihrer Projekte vor!


Für diesen Blog hier schweben mir gerade mehrere Themen im Kopf herum, mal sehen, was ich daraus mache. Ansonsten habe ich gerade (leider) alle Hände voll zu tun und bitte mein unregelmäßiges Schreiben zu entschuldigen :)


Guten Hunger & riot, don't diet!



Donnerstag, 23. August 2012

(Nicht so ganz) Vegan in Girona (und Umgebung)

Letzte Woche war ich fünf Tage mit zwei Freundinnen in der Gegend um Girona im Kurzurlaub. Eigentlich wollte ich nur Essensbilder posten, aber ehrlich gesagt war das (optisch) sehr unspektakulär. Außerdem hab ich an zwei Tagen auch mal unvegane Kleinigkeiten gegessen und an einem Tag gar nichts, außer morgens ein Baguette und nen Pfirsich. Das passt jetzt nicht sooo gut dazu, dass ich sagen wollte, dass es in Spanien, bzw. in Cataluña, eigentlich nicht so schwierig ist, sich vegan zu ernähren, wie mir vorher alle gesagt hatten. 

Was stimmt: Man muss sich vorbereiten! Happycow und Vegman sind treue Hilfmittel (Smartphone olé!), Essen vorbereiten und immer etwas mitnehmen sind fast ein Muss, sich vorher informieren, welche regionalen Gerichte vegan, oder leicht veganisierbar sind, erspart ewiges "¿Sin leche? Sin queso? Sin carne?", frisches Obst und Gemüse gibt es an jeder Ecke, genau so wie Pan con Tomate zum Standard-Restauantangebot gehört, nur vertrage ich nicht den ganzen Tag über Rohes (abends schon gar nicht) und so lecker Pan con Tomate auch ist (und ich habe es zu jeder Tageszeit gegessen!), irgendwann ist mal gut mit weißem Brot, Olivenöl und Tomate. Was man eigentlich immer Essen kann: Gazpacho, Tortas de Aceite (ist aber andalusisch und deswegen an der Costa Brava nicht gerade verbreitet), Salate (Käse/Fleisch/Fisch ließen sich immer abbestellen), verschiedene Tapas wie Patatas bravas (ohne Sauce!), frittierte Artischocken usw. Auch in kleinen Supermärkten habe ich Soja/Reis/Mandelmilch entdeckt, Bioläden sind mir eher selten begegnet. Dafür um so mehr Falafelläden. Und es gibt fast überall frischen O-Saft! Hin und wieder lässt sich auch mal Sorbet in den Eisdielen finden. Gerne gegessen von mir wurden auch die verschiedensten gerösteten Nüsse und wir haben sogar (zufällig) vegane Zimtkekese im Supermarkt entdeckt. 
Aaaaaaber: Bei uns hat leider nicht alles so super geklappt, da unser lieber Freund und Gastgeber es etwas zu gut meinte, uns viel zu viel auf einmal zeigen wollte und so irgendwie unsere eigenen Pläne torpediert hat. Alles, was er uns gezeigt hat, war auch wunderschön, aber nicht unbedingt kompatibel für unvorbereitete Veggies. ("Nee, wir fahren nicht mehr nach Hause, mein Freund spielt in Bisbal in ner Tapasbar ein Konzert" - der Tag, an dem ich nix gegessen habe.) So standen wir dann mehrmals in irgendwelchen Minidörfen oder krass touristischen Städten, in denen es nicht mal vegetarische Pizzen oder Tapas gab. Eine der beiden anderen ist übrigens Vegetarierin und die andere isst auch eher sehr selten Fleisch, gestresst hat uns das fast alle gleichermaßen.

Das Tolle ist: Die meisten Gerichte bestehen aus total einfachen Zutaten und klingen unspannend, sind aber deswegen so herausragend lecker, weil die einzelnen Zutaten einfach großartig sind! In einem Omni-Restaurant haben wir zum Beispiel Salate von der normalen Karte bestelllt, die ausschließlich aus Salat, Bohnen oder Kartoffeln, gebackenen Tomaten und Kräuteröl bestanden und unglaublich gut geschmeckt haben. Ich habe echt selten leckerere und fruchtigere Tomaten gegessen, das macht wahnsinnig viel aus!

In Barcelona ist veganes Essen übrigens kaum ein Problem. Da habe ich auch ohne zu suchen etwas zu Essen gefunden (sogar Eis!). Lediglich das Gopal haben wir gezielt angesteuert und das würde ich auch sofort weiterempfehlen. Hier gibt es klassische spanische Gerichte, aber auch Kuchen und Patties, Tofu etc. zum Mitnehmen. Veganes Eis gabs beim Stickhouse (Fruchteis oder Sojaeis, mit veganer Schokolade und Nüssen überzogen), Smoothies an jeder Ecke und viele andere vegetarisch/vegane Restaurants sind in der ganzen Stadt verteilt. 
Was mir auf der Rambla aufgefallen ist: Vor drei Jahren, als ich das letzte mal dort war, wurden in Straßenständen auf sehr unangenehme, quälerische Art und Weise verschiedenen Tiere verkauft (Küken, Hühner, Schildkröten...). Das war mir damals schon unheimlich. Dieses Jahr haben wir uns erst gefreut, weil wir keine gesehen haben. Das war aber leider etwas zu früh, ganz zum Schluss haben wir dann noch einen Stand entdeckt, der Küken, Schildkröten und Fische en masse, gequetscht in ungeschützen und fast auf dem Boden stehenden Käfigen verkauft hat. Verboten scheint es also nicht (ganz?) zu sein, ich werde das aber mal recherchieren.

In Girona selbt gibt es neben vegetarischen Läden übrigens auch zwei rein vegane Restaurants, Bionèctar und B12. Zwei total bescheuerte Namen, finde ich. Und auch ansonsten waren lange nicht so schön und gemütlich, wie die vielen anderen Cafés und Restaurants in Girona. Leider waren wir in keinem von beiden - an den ersten Tagen konnten wir nicht, weil wie oben beschrieben unser Plan sabotiert wurde und als wir dann vorbeigegangen sind, hatten tatsächlich beide ab genau diesem Tag Betriebsferien.

Insgesamt war es wunderschön, deswegen teile ich einfach mal auch essensunabhängige Fotos mit euch. (Werden beim Anklicken größer, Quali ist der der Wahnsinn, weil die alle mit meinem iPhone aufgenommen wurden.) 
Ich bin gespannt, was eure Erfahrungen im Urlaub und speziell in Spanien sind!

PS: Kennt jemand von euch eine gute vegane Sonnencreme? Ich hatte die von Alverde. Die war furchtbar, ließ sich nicht verteilen und bildete nur eine dicke, weiße Schicht auf meiner Haut.







































Mittwoch, 13. Juni 2012

Meeting the Captain

Heute habe ich mich mit einem Teil der Kochen ohne Knochen-Crew auf den Weg nach Frankfurt gemacht, um dort Paul Watson und Peter Hammarsted von Sea Shepherd zu treffen und gemeinsam zu interviewen. (Paul Watson ist vor einigen Wochen in Deutschland festgenommen worden, mehr dazu in diesem Video.) 
Ich muss natürlich zugeben - aufgeregt war ich auf jeden Fall, Sea Shepherd ist eine Organisation, mit der ich mich in vielen (nicht in allen!) Punkten identifizieren kann. Meine Aufregung war insofern unbegründet, als dass die zwei sehr locker und angenehm waren - eine schöne Grundlage für ein gutes Interview. Meine eigentliche Sorge war aber viel mehr, dass es eben doch so den ein oder anderen Punkt gibt, der mir bei Sea Shepherd Bauchschmerzen bereitet - wie die Zusammenarbeit mit Brigitte Bardot, bzw. ihrer Tierschutzorganisation. Diese ist eben nicht nur für ihre Tierliebe bekannt, sondern auch für ihre Nähe zur (extremen) französischen Rechten, dem Front Nationale und für entsprechende Äußerungen (siehe hier). Auch vor dem Interview war ich mir darüber im Klaren, dass es kein Szenario gibt, was diese Zusammenarbeit für mich irgendwie erklärbar/akzeptierbar/entschuldbar macht. Die Frage letztendlich zu stellen hat mich dann doch etwas Mumm gekostet und ich habe auch ehrlich gesagt erst etwas drumherum gedruckst, bis ich zum Punkt kam. Und ja, Paul und ich, wir sind da nicht einer Meinung. 

Ich möchte ungerne vorgreifen, das Interview erscheint ja in voller Länger in der nächsten Kochen ohne Knochen Ausgabe, aber ich würde gerne für mich persönlich festhalten, was gerade so in meinem Kopf herumschwirrt und das ist vor allem eins: Ich bin eine verdammte Heuchlerin! Ich komme auf gar keinen grünen Zweig mit seiner Meinung, ich finde ihn, oder zumindest seine Arbeit trotzdem gut. Ich finde es ist ein Witz, dass er in Deutschland, oder überhaupt verhaftet wurde, verglichen mit dem, was die Fisch/Hai- und Wahlindustrie bzw. -lobby weltweit so anstellt ist das blanker Hohn und ich würde darüber lachen, wäre es nicht so verdammt ernst.
Paul sagt, er kämpft für diesen Planeten und dafür, dass es weiterhin Leben darauf geben kann. Er sagt auch, jeder Unterschied zwischen Menschen, sei gemacht, sei nicht echt und er stimmt mit mir darüber überein, dass eine Seite der Menschen die andere (viel größere) Seite ausbeutet und ihnen dann auch noch verbietet legal in die Länder einzureisen, die sie ausbeuten. Er findet das auch scheiße. Er findet aber - und spätestens jetzt werde ich etwas polemisch und überspitze bewusst  - grundsätzlich alle Menschen scheiße und geht nicht davon aus, dass Menschen, vielmehr die Menschheit irgendwann irgendetwas aus purer Vernunft besser machen wird. Man muss sie zwingen, drängen, Druck machen mit der einzigen Sprache, die sie verstehen: Geld. Tu niemandem weh, töte keinen, aber lasst uns die ökonomischen Strukturen zerstören, so dass sich XYZ nicht mehr rechnet. Das kann ich noch nachvollziehen, sicher bin ich mir da allerdings nicht. Sein Verständnis vom Menschen geht eher in die Richtung, dass die Hierarchien, wie wir sie jetzt haben reiner Zufall sind und alles auch anders hätte laufen können. Schwarze hätten auch Weiße ausbeuten können, Frauen hätten auch über Männer herrschen können. Alle würden es auch jetzt tun, wenn sie denn könnten. Genau so, wie sie auch alle die Erde ausbeuten, die Ökosysteme zerstören und sich einen Dreck um alles Leben scheren, was für diese Welt eigentlich essenzieller ist als der Mensch. Der Mensch als Plage, als Pest, unbelehrbar und gierig. Ich muss sagen, hätte ich ein solches Weltbild, ich würde einfach gar nichts mehr machen. Manchmal finde ich mich selbst etwas zu zynisch und vor allem zu ernst. Würde ich aber so konsequent schlecht von Menschen denken, hätte ich schon überhaupt keine Energie mehr, irgendwas zu tun. Er schon, weil es ihm nicht um Menschen geht, sondern um alle anderen Lebensformen, die unter den Menschen leiden, die will er retten. Daraus speist sich dann auch die Erklärung für seine Zusammenarbeit mit Brigitte Bardot: Er ist mit ihr nicht bei allem einer Meinung, genauer gesagt, teilen sie exakt eine gemeinsame Leidenschaft, aber sie hat seiner Meinung nach schon mehr für die Erhaltung der Erde getan als viele Andere und mehr interessiert ihn gar nicht.
Auch nach dem eigentlichen Interview hat Paul das Gespräch gesucht und wir haben uns noch eine Weile über internationale Zusammenhänge, Herrschaftsverhältnisse usw. unterhalten und er hat versucht, mir näher zu erklären, wieso letztenendes für ihn nur eine Sache zählt, während ich gesagt habe, dass mir eben auch Menschen wichtig sind und vor allem auch, welche ungleiche Möglichkeiten Menschen als Perspektive für ihr Leben haben und dass ich auch das für gemacht und nicht natürlich halte. 
Paul Watson ist ein Mann, der es gewohnt ist, dass Menschen ihm zuhören. Er weiß sehr viel, ist erfahren und belesen, zitiert Margarete Mead, Gandhi und Martin Luther King und vergleicht seine Methoden mit den ihren. Gößenwahn? Ja, vermutlich schon. Auf der anderen Seite: Wie viel mehr Wale, Delfine, Haie und andere Meereslebewesen wären ohne Sea Shepherd jetzt tot? 


Für mich heiligt nicht jeder Zweck jedes Mittel. Aus dem Grund sage ich nach wie vor: Ich bin mit ihm in einer für mich sehr wichtigen Sache überhaupt gar nicht einer Meinung. Ein Aber kommt trotzdem: So inkonsequent und heuschlerisch das sein mag, ich finde Sea Shepherd gut und ich möchte ihren Einsatz nicht missen. Ich würde mir wünschen, dass dieser in Zukunft ohne Hilfe aus dem rechten Lager passiert. Mit denen will ich nämlich für überhaupt nichts gemeinsam kämpfen.

von links nach rechts: Tom, ich, Joachim, Paul, Ines, Peter

Mittwoch, 29. Februar 2012

Ich kann auch anders! Nett zum Beispiel.

Denn PeTA kann auch anders, wie man sieht. Besonders peta2 macht meiner Meinung nach wirklich (!) gute Sachen. Von denen habe ich glaub ich noch nichts gesehen, was ich scheiße fand. Klar, deren Arbeit es ist sehr zielgruppenorientiert, aber das ist ja nichts schlechtes. Ich habe für peta2 viel mehr Respekt übrig, als für die Mutterorgansisation, die, wie viele hier sicherlich mitbekommen haben, mir mittlerweile nur noch auf den Keks geht. Da bleibt mir nichts anderes übrig als zu fragen, verdammt PeTA, warum macht ihr nicht auch hin und wieder mal sowas? Von mir aus ach mit halbwegs authentischen Promis. Aber angezogen! Dafür ernsthaft, glaubwürdig und mit der ordentlichen Portion Denkanstoß!

Ja, der Spot ist kitschig, aber wirklich schön. Ich mag Nessi, ich mag ihre Stimme, ihre Authenzität und ich mag, dass sie ernsthaft und locker gleichzeitig ist. Das geht vielen verloren, die länger in den Medien präsent sind, ich hoffe, sie bleibt einfach so. Ich mag auch die Einfachheit des Spots und ich mag Bilder von glücklichen Kühen im Morgentau und spielenden Schweinen. Sicherlich wird das niemanden abschrecken, aber das muss ja nicht das einzige Mittel sein, Menschen von etwas zu überzeugen. Die ruhige, melancholische Stimme und die eigentlich als so natürlich und so selbstverständlich anmutenden Bilder können in Menschen sehr viel bewegen, da bin ich mir sicher.

Eine Ode an die Freiheit - da mach ich mit, das find ich gut.


Donnerstag, 16. Februar 2012

An alle, die nicht verstehen, was mich an PeTA stört



Trigger Warnung: Verharmlosung/Verherrlichung von sexualisierter Gewalt.

Das Thema habe ich hier ja bereits häufiger angerissen (u.A. hier) und niemals wirklich zur Genüge erläutert. Das werde ich auch heute mal wieder nicht tun, ich bin nämlich gerade echt nicht dazu in der Stimmung mich dermaßen in Rage zu schreiben. Trotzdem kann ich es nicht ganz lassen und ja, PeTA will genau das, dass wir darüber reden, dass sie ins Gespräch kommen und bleiben, Provokation um jeden Preis. Also nennt mich ruhig Komplizin, denn gar nichts sagen, dass kommt für mich auch nicht in Frage. Ich finde PeTA muss mindestens für diese Kampagne kritisiert werden, da ist es nunmal unumgänglich, dass ich PeTA auch erwähne.
Ich hoffe insgeheim, wer sich das da oben anschaut, dem brauche ich nicht mehr großartig viel erklären. Eigentlich sollte da jedem sein Sojawürstchen im Halse stecken bleiben, aber ich werde trotzdem mal stichpunktartig auflisten, was mich an dem Spot stört.

  1. Die ganze "Vegetarier/Veganer_innen haben besseren Sex"-Nummer halte ich für eine so große und dumme Lüge, dass ich vermute Münchhausen hat sie höchstpersönlich erfunden.
  2. "Sex sells" ist laaaaaaangweilig und unkreativ. Außerdem haben wir hier den sexuellen und erotischen Bereich längst verlassen und bewegen uns viel eher auf dem Terrain der Misshandlung.
  3. Guter/wilder/hemmungsloser/leidenschaftlicher Sex hat gemeinhin erst mal gar nichts mit (von mir aus auch "unkontrollierbarer") Brutalität oder Gewalt zu tun. (Das hier persönliche Vorlieben ausgeschlossen sind, sollte hoffentlich klar sein.) Schon gar nicht insofern, als das ernsthafter gesundheitlicher Schaden durch diesen Sex normal sei. Genau genommen wird das im Spot nicht mal als normal, sondern als äußerst erstrebenswert dargestellt. So, als hätte es der Typ endlich richtig drauf, denn hey, eigentlich wollen wir Frauen doch alle misshandelt werden und alle Männer wollen brutale F*ckhängste sein.
  4. Nein, Gewalt (gegenüber Frauen und sonst irgendwem) ist nicht okay und auch nicht witzig, auch dann nicht, wenn es überspitzt und provozierend gemeint ist. "Stell dich mal nicht so an" ist hier auch kein annähernd ausreichendes Gegenargument, denn es zeigt, dass man nicht verstanden hat, dass durch solche Spots Verharmlosung und Legitimierung von ernsthaften Problemen stattfindet.
  5. Humorlosigkeit lasse ich mir von Männern, die sich mit dem Thema nicht mal ansatzweise auseinandergesetzt haben und somit auch keinen blassen Schimmer haben wie es ist und was es bedeutet, tagtäglich von sexualisierten (und in dem Fall sogar gewaltvollen) Fauen-Bildern konfrontiert zu werden, ebenfalls nicht vorwerfen.
  6. Ja, ich glaube ernsthaft daran dass Männer (egal welcher "Schicht" sie auch zugehörig sein mögen) auch zu Vegetariern oder Veganern werden können, wenn man nicht mit nackten Frauen vor ihnen herumwedelt.
  7. Was sind das bitte für Vegaterier/Veganer_innen, die zu eben solchen werden, weil sie meinen sie würden schöner, attraktiver und sexuell leistungsfähiger sein? Die Wahrscheinlichkeit, dass so jemand langfristig dabei bleibt, emanzipiert und aufgeklärt mit dem Thema umgeht ist wohl eher gering.
  8. Der Typ ist mal wieder der starke Kerl, der sich kaum beherrschen kann, während die Frau in der passiven Opferrolle bleibt und ihrem Peiniger die Gewalt nicht ein mal übel nimmt. Denn der Arme, der kann ja nix dafür und sie will es ja eigentlich selbst.
Und quasi als Zusammenfassung: Wie wollen wir bitte gleiche oder ähnliche Rechte zwischen Menschen und Tieren etablieren, wenn wir es noch nicht ein mal schaffen alle Menschen entsprechend gleich zu behandeln? Wenn wir eine Gruppe befreien und dafür eine andere Gruppe unterdrücken/misshandeln/entmenschlichen/ausbeuten etc., dann haben wir überhaupt gar nichts erreicht.


EDIT: Ihr kennt ja vielleicht das Omnivore Defensive Bingo? So etwas ähnliches gibt es auch für antifeministische Aussagen und ich kann es mir gerade nicht verkneifen, es hier einfach mal zu posten. Schon alleine, weil ich den Karneval durcharbeite und es deswegen nicht schaffe, die Kommentare hier ordentlich zu moderieren. People you will meet in discussions about Sexism in the Internet.

EDIT NR. 2: Weil hier das Unfall-Argument so oft fällt, noch ein Kommentar meinerseits: Das finde ich völlig uninteressant. Mit ziemlicher Sicherheit handelt es sich um einen Unfall, der Typ tritt im Spot ja nun nicht gerade wie ein brutäler Schlägertyp auf. Aber der springende Punkt ist meiner Meinung nach, dass es so oder so als akzeptabel und irgendwie besonders toll dargestellt wird. Durch das Lächeln und dadurch, dass sie ihm sein Gemüse holt (damit er stark bleibt?!) wird stattdessen impliziert, dass es ihr gefallen hat und der Typ dadurch jetzt ein ganz toller Kerl und das ist das eigentliche Problem. Ich jedenfalls würde das nicht noch ein zweites Mal "riskieren" wollen.

Dienstag, 7. Februar 2012

Ich bin das Klischee

Ich bin nicht gerade ein Fan von Klischees, Stereotypen und Vorurteilen. Blöderweise werden einiger allerdings immer wieder bestätigt. Zum Beispiel, wenn man durch die Uni läuft und versucht Oufits Studienfächern zuzuordnen. Woran das liegt, darüber lässt sich wohl streiten, aber eigentlich ist das das spannendeste an der Sache. Grundsätzlich versuche ich immer, all mein angebliches Vorwissen bei Seite zu schieben wenn ich Menschen kennen lerne, die man in irgendeine Schubladen einordnen könnte. Ich glaube auch, dass das ganz gut klappt, allerdings habe ich noch nie so richtig darüber nachgedacht in welche Schubladen ich so gesteckt werde. Neben "Studentin von Geisteswisschenschaften" wäre die etwas markantere wohl "Veganerin". Und wenn ich dann mal so schaue, in diese Schublade passe ich im Grund ohne anzuecken.

  1. 70% der vegetarisch/vegan lebenden Menschen sind weiblich — Check
  2. Fast die Hälfte lebt in einer Großstadt — Check
  3. Das Durchschnittseintrittsalter für "moralische Vegetarier/Veganer_innen" liegt bei 21 Jahren. Ich liege ein Jahr drüber, was ziemlich nah am Durchschnitt ist, also — Check
  4. Das aktuelle durchschnittliche Alter liegt dafür bei 30 Jahren — Fail
  5. Der Großteil vegetarisch/vegan lebender Menschen studiert oder hat studiert — Check
  6. Über die Hälft besitzt keine Religionszugehörigkeit — ich bin zwar evangelisch getauft, konfirmiert und noch nicht aus der Kirche ausgetreten, aber ich bin nicht gläubig. Also verbuche ich das auch als zutreffend. Check
  7. Der Hauptbeweggrund die eigenen moralischen Grundpfeiler bezüglich Tieren und deren Konsum zu hinterfragen war/ist die Massentierhaltung, bzw. die Zustände darin und die Notwendigkeit des Tötens für den Fleischkonsum — Check
Quelle für diese Angaben ist die Vegetarierstudie der Uni Jena


Viele andere Vegetarier/Veganer_innen, die ich kenne, entsprechen den Angaben auch zum größten Teil. Interessanterweise kenne ich verhältnismäßig viele vegane Männer, dafür, dass das Verhältnis 70 zu 30 sein soll. Trotzdem treffen auf die meisten die ich kenne mindestens vier der sieben Punkte zu. Irgendwie könnte man meinen, die Gruppe wäre total homogen, aber die Menschen die ich kenne, sind so unterschiedlich, haben teilweise kaum etwas gemeinsam, abgesehen davon, dass sie vegan leben und vielleicht eine gewisse linksorientierte politische Grundüberzeugung haben. Übrigens wundert es mich, dass die Studie Bezug zu Religion, nicht aber zu politischen Parteien hergestellt hat.

Trotzdem ist das Ergebnis interessant. Wo liegen die Gründe für den hohen Frauenanteil? Was hat das alles mit Schul- und Hochschulbildung zu tun? Warum tut sich gerade im Alter von Anfang 20 so viel? Wieso gibt es unter vegetarisch/vegan lebende Menschen so wenig Bindung zur Religion?

Ich persönlich glaube, dass das alte Denken "Fleisch macht stark" noch weit verbreitet ist. (Da braucht man sich nur die Beef! anzusehen...) Und in unsere Gesellschaft ist körperliche Stärke bei Männern eben immer noch wichtiger als bei Frauen. Männer sind die alten Jäger, die symbolisieren müssen, dass sie eine Familie versorgen können. Das ist natürlich völliger Quatsch, aber aus diesen Strukturen auszubrechen ist alles andere als einfach. Männern wird neben der (zum Töten) notwendigen Stärke auch allgemein ein höheres Gewaltpotenzial zugesprochen, Frauen sind meist friedliebend und Opfer, wohingegen Männer die Aktiven und/oder die Täter sind. Das ist ein heikles Thema und es gibt natürlich unzählige Gegenbeispiele aus der Geschichte und auch in aktuellen Gesellschaften, inklusive unserer eigenen. Trotzdem erzählt meine Mutter heute noch, dass es bei ihnen früher selten Fleisch gab, wenn, dann war ihr Vater zuerst an der Reihe, danach ihr acht Jahre jüngerer Bruder. Was die Männer übrig ließen (meistens war das gar nichts, manchmal aber dann doch ein wenig) durften die Frauen unter sich aufteilen. Die Männer mussten eben arbeiten gehen, oder stark werden, damit sie dann später als Erwachsener arbeiten gehen konnten. Frauen brauchten nicht so viel Fleisch, weil sie nicht arbeiten gehen brauchten/sollten. Da könnte man denken, dass Fleisch vielleicht von Frauen besonders hoch geschätzt wird, weil es so eine glorifizierte Seltenheit war. Das scheint aber nicht passiert zu sein, ich vermute daher, dass stattdessen Frauen Fleisch doch einfach nicht so bedeutend finden, vielleicht, weil ihnen nie suggeriert wurde, wie wichtig es für sie sei. Männer sorgen sich scheinbar stattdessen eher um ihr Privileg als starker Kerl. Das sind zumindest meine Vermutungen.

Das Großstadtleben bietet natürlich einige Vorteile. Hier gibt es viel mehr Möglichkeiten einen "alternativen" Lebensstil zu pflegen, viele Zugezogene stehen weniger stark unter dem Einfluss ihrer Eltern, Großeltern, Freunde und so weiter. Pluralität und Diversität hab mehr Raum und wird weniger belächelt und/oder gemobbt. Heute ist man zwar auch in ländlichen Regionen mit einem Internetanschluss bestens an das Weltgeschehen angeknüpft, aber in Großstädten wird man auch im Alltag viel häufiger, viel offener und offensiver mit kritischen Themen konfrontiert. Dazu trägt auch nicht zuletzt die Uni bei. Die besten Ergebnisse bei Uni-Wahlen (zumindest an den Unis, die ich kenne) bekommen linke und grüne Parteien, die Uni ist einer von von vielen zentralen Orten für Organisation und Mobilisierung von Streiks, Protesten und Aufklärungs-Aktionen aller Art. Informationen für sämtliche Themen gibt es en masse. Im Idealfall werden Jugendliche an der Uni zu kritischen Menschen, die auf der einen Seite viel Lesen aber auf der anderen Seite auch nicht immer alles glauben. Das alles ist selbstverständlich nicht notwendig um vegan zu werden, begünstigt einen möglichen "Wandel" aber auf jeden Fall. So erlebe ich immerhin den Unterschied von Köln zu meinem "alten" Leben in der Kleinstadt.

Dass sich wenige Vegetarier/Veganer_innen in einer Religion verorten überrascht mich insofern eher weniger, da ich vermute, dass das auf einen Großteil der ganz allgemeinen durchschnittlichen Bevölkerung in Deutschland zutrifft. Glaube im traditionellen Sinn treffe ich beinahe ausschließlich bei Menschen über 60 an. Die meisten anderen interessieren sich grundsätzlich nicht für Religion und/oder sind extrem kirchen- und religionsverdrossen. Mal ganz davon abgesehen, dass traditionelle Kirchen grundsätzlich eben an ihren Traditionen festhalten und sich bei Entwicklungsprozessen nicht gerade beeilien.

Schön, dass ich auch ein paar Beispiele kenne, die so gar nicht in das Schema passen, wie zum Beispiel mein Vater. Ein Mann über 40, lebt in einer Kleinstadt und hat lieber eine Ausbildung statt Abitur gemacht. "Trotzdem" ist er klug und mitfühlend und das ist auch an keine der oben genannten Kriterien verknüpft. Manchmal kommt es vielleicht auf die äußeren Umstände an, diese können triggernd oder hemmend wirken. Aber letztendlich kann heute in unserer Gesellschaft fast jede_r an bestimmte Informationen kommen und sich für den Veganismus entscheiden. Wenn ich mir meinen eigenen "Weg" ansehe, glaube ich, dass ich vermutlich immer Veganerin geworden wäre, egal wie mein Leben verlaufen wäre. Die ersten Anzeichen waren recht früh, ich habe eine Entscheidung nur aus Angst und Unsicherheit hinausgezögert. Und genau das beobachte ich bei vielen Menschen um mich herum, wie oft höre ich "Ja hm, irgendwie, also ja das stimmt schon, so gesehen, hm hm... ABER..." Viele Menschen sind verunsichert, wissen nicht genug um das Thema beurteilen oder selbstbewusst Stellung beziehen zu können, spüren aber, dass da etwas im Argen liegt. In den Medien wird währenddessen von der neuen "weiblichen und intellektuellen Elite" gesprochen, die das Veganertum anzuführen scheint, da dreht sich mir direkt der Mageninhalt um. Wenn das nur oft genug wiederholt wird, ist ein neues Klischee erschaffen und man braucht sich nicht weiter wundern, wenn die Menschen, die diesen Kriterien nicht entsprechen (und das sind eine ganze Menge), sich von dem Thema distanzieren und Veganer_innen für abgehobene und weltfremde Spinner halten.